Wie nachhaltig ist Hamburg?

Hotel Wälderhaus

„Nachhaltigkeit bedeutet für uns heute schon an das Morgen zu denken. Dabei soll sich der Gast genauso wohl fühlen wie der Hamburger.“ Das schreibt Hamburg Tourismus, denn Nachhaltigkeit steht ganz oben auf der Liste bei den Hansestädtern. Immerhin war Hamburg 2011 Europäische Umwelthauptstadt und ist bis heute Pionier für nachhaltige Städteentwicklung. Man könnte sich also einiges abschauen an der Stadt mit 1,84 Millionen Einwohnern. Ganz besonders nachhaltig zugehen soll es in den Stadtteilen HafenCity und auf dem Gelände der Internationalen Bauausstellung in Wilhelmsburg. Dort steht das Hotel Wälderhaus, das zu großen Teilen aus Holz gebaut ist. Dies riecht man sofort, wenn man das Hotel betritt.

Obwohl das Hotel schon 10 Jahre alt ist, duftet der Baustoff Holz noch immer – weil die Holzplatten, die die Zimmer schmücken, unbehandelt sind. Allerdings waren die Architekten nicht ganz konsequent: im Badezimmer ist schon nichts mehr vom Holz-Thema zu spüren, die Innenausstattung unterscheidet sich in nichts von jedem beliebigen Kettenhotel. Das hauseigene „Waldmuseum“, ein Raum mit vielen Vitrinen und ein paar Baumstämmen, versprüht Museumsmuff des vergangen Jahrhunderts, und ist nicht gerade der Publikumsrenner. Eine Lounge, in der ein gemütliches Kaminfeuer aus Holz knistert, sucht man im Holzhotel vergebens.

Ansonsten ist Wilhelmsburg ein Stadtteil, der überwiegend von nicht sehr gut betuchten Hamburgern bewohnt ist – was sich auch an der Restaurantlandschaft ablesen lässt. Dönerbuden und Asia-Imbisse bilden hier den Schwerpunkt.  Noch mehr Ghetto gibt es nur im angrenzenden Veddel. Veddel ist der kleine Stadtteil nördlich von Wilhelmsburg, eingezwängt zwischen Autobahn und Bahngleisen, und der Norderelbe. In den Straßen zwischen hohen Backsteinbauten wird man kaum ein deutsches Gesicht sehen, auch Touristen verirren sich kaum hierher. Doch der Veddel birgt tatsächlich eine Sehenswürdigkeit, die in Touristenführern kaum verzeichnet ist: die Veddeler Fischgaststätte. „Schlichtes Traditionslokal für Backfisch“ nennt Google es, und liegt damit sehr richtig. Das kleine, windschiefe Häuschen, das verloren auf einem unwirtlichen Hafengelände Wind und Wetter trotzt, ist von morgens bis abends mit Gästen der Nachbarschaft, die hier ihr Astra Pils trinken und dazu Backfisch mit Pommes bestellen, gut gefüllt. Immerhin ist sie die älteste Fischgaststätte Hamburg und besteht seit rund 90 Jahren.

Die Innenausstattung hat sich seit den 50er Jahren nicht merklich verändert. Auch die Öffnungszeiten bergen Historie: nur von Montag bis Freitag ist die Tür offen, und das auch nur bis Punkt viertel vor sechs. Für zwei Fischfrikadellen mit Beilage zahlt man 7,90 Euro, für Hamburg fast ein Schnäppchen. Nur wenige Hundert Meter weiter ist man in der Hafencity, dem Hamburg von Morgen. Hier dreht sich eine Armada von Baukränen, denn fertig ist die Hafencity noch längst nicht. Die Restaurants haben wohlklingende Namen wie Surfkitchen, Wildes Fräulein, Hobenköök oder foodlab. Englisch sollte man bei einem Besuch des foodlab können, denn das foodlab ist ein Coworking Space für Food Start Ups, und hier werden Food Innovationen produziert, außerdem gibt es eine Popup Fläche, auf der alle vier Wochen ein neues Restaurantkonzept Platz findet. Viel rohes Beton und sichtbare Kabelstränge sollen Modernität suggerieren – gemütlicher ist es allerdings in der Veddeler Fischgaststätte.

Ein Stückchen altes Hamburg – und gleichzeitig ein Projekt zur Nachhaltigkeit – ist die von den Landungsbrücken gut sichtbare Cap San Diego. Das Baujahr des Frachtschiffes ist 1961, damit gilt sie heute schon als Museumsfrachtschiff und sollte eigentlich verschrottet werden. Wie die meisten Frachtschiffe ihrer Art, denn in den 80er Jahren wurden die meisten Frachtschiffe durch Containerschiffe ersetzt. Die Cap San Diego, Länge 159 Meter, wurde jedoch restauriert und hat jetzt ein zweites Leben als Hotelschiff. Bis zu 10 mal pro Jahr läuft das Schiff sogar noch auf See aus, etwa nach Helgoland.

Was die wenigsten wissen: das Projekt Hafencity wurde in den 90er Jahren als Geheimplan von Exbürgermeister Henning Voscherau vorangetrieben, um Spekulationen mit Grundstücken zu verhindern. Mitten in der Stadt entsteht hier ein neuer Stadtteil mit einer Fläche von 157 Hektar, an der Spitze die Elbphilharmonie, die wohl mittlerweile jedem bekannt ist.

Zur Zeit wohnen in der Hafencity rund 6500 Menschen, es sollen einmal 15.000 werden, dazu noch 45.000 Arbeitsplätze. Auch wenn man es von außen nicht gleich sieht, für die meisten Bauvorhaben der HafenCity gelten strenge Regeln für nachhaltiges Bauen. Darüber informiert Besucher der Osaka 9 Nachhaltigkeitspavillon an der Osakaallee. Daneben ist der Sitz von Greenpeace, ein Stückchen weiter das Verlagshaus des Spiegel. Nachhaltig gebaut wurden auch das Unilever Haus und der Marco-Polo Tower, von Hamburgern „Döner“ getauft. Mit seinen leicht verdrehten 17 Geschossen wirkt der Marco-Polo Tower markant. Es ist ein sogenanntes „Green Building“, vollgepfropft mit Hightech-Energieeffizienz, klimafreundlich konzipiert für immer wärmer werdende Sommer.

Das nachhaltige Bauen der Hafencity und die Förderung von klimafreundlichen Mobilitätskonzepten ist in einer Metropole wie Hamburg heute kein Luxus mehr, sondern dringend notwendig. Man muss sich nur die Rohdaten der Umweltverschmutzung in Hamburg vor Augen halten:

Durch Hamburg kurven rund 813.000 Autos, die meisten mit Verbrennungsmotor, es werden jährlich 6,5 Millionen Tonn Co2 emittiert, und es fallen pro Bewohner 237 Kilogramm Restmüll und 39 Kilogramm Biomüll an. Beim Plastikmüll gab es in den letzten Jahren eine steigende Tendenz, die durch Corona noch verstärkt wurde. Alles Zahlen, die die wohlmeinenden Nachhaltigkeitskonzepte der Stadt relativieren.