Ziemlich JWD: Oderberg als Sehnsuchtsort

Außer dem Binnenschifffahrtsmuseum gibt es in Oderberg nichts zu sehen. Aber gerade das kann ziemlich reizvoll sein.

Wenn man sich Oderberg über die Landstraße von Eberswalde nähert, glaubt man sich im Alpenvorland: die beschauliche Straße führt durch Wälder, über Hügel und an Weiden mit Kühen vorbei. Dann gerät auf der rechten Seite die Alte Oder ins Blickfeld. Links geht es steil hoch, und da thront sie: die „Villa Oderblick“. Über 100 Jahre alt, majestätisch erbaut mit steilen Treppen, schmiedeeisernem Tor, und mächtigen Türeinfassungen aus massiven, grauen Feldsteinen. Von einem Wintergarten mit Jugendstil-Glasdach blickt man hinunter auf den Oderberger See.

In die fast toskanisch anmutende Anlage sind heute Ferienwohnungen gebaut, die man über ein großes Internetportal für 180 Euro pro Tag mieten kann. Ist Oderberg ein verkannter Ferienort? Tatsächlich verirren sich selbst im Sommer hier nur wenige Reisende hin. Am Flussufer gibt es nur ein einziges Café, das Café Hier und Jetzt. Es hat nur von Freitag bis Sonntag offen. Wer an einem Werktag in das 2000 Einwohner große Dorf kommt, steht nach 18 Uhr fast überall vor verschlossenen Türen. Es gibt eine Kneipe, das „Kietz-Eck“, eine Dönerbude, die Gaststätte Grüne Aue und das Café Seeblick. Ansonsten: eine Bäckerei, eine Metzgerei und ein Laden für Haushaltswaren. Wer die alte Hauptstraße des Ortes, die Angermünder Straße, entlangspaziert, macht eine Zeitreise zurück ins Jahr 1990. Denn nach dem Mauerfall wird es hier nicht viel anders ausgesehen haben. Morbid. An vielen Häusern sind noch alte Ladenschilder, zum Teil aus Vorkriegszeiten, angebracht. Doch die Apotheke, die Bäckerei, das Union-Theater oder das Café Weiss existieren schon lange nicht mehr. In manchen Ladenlokalen haben vor Jahren An- und Verkaufsläden ihr Glück versucht, doch auch die sind schon lange dicht. Gefühlt jedes zweite Haus steht hier leer. Kein Wunder, denn vor dem Mauerfall war die Einwohnerzahl in Oderberg fast doppelt so hoch.

Jetzt könnte man Oderberg als Paradies für Lost-Places-Fans vermarkten, denn bröckelnde Fassaden, rostige Gitter und kaputte Fensterscheiben gibt es hier im Überfluss.

Darauf angesprochen, sagt die Bürgermeisterin von Oderberg, Martina Hähnel, lapidar: Die meisten Häuser sind in Privateigentum, und man könne die Besitzer ja nicht zwingen, sie zu renovieren. Selbst das erste Haus am Platz, das imposante „Deutsche Haus“, steht leer. Ein Bauschild davor verspricht aber eine Renovierung und einen Ausbau zu Apartment-Wohnungen. Doch anscheinend geht es schon seit Jahren nicht voran. „Die warten schon seit über einem Jahr auf die Baugenehmigung, aber sie bekommen sie nicht“, sagt Hähnel. Und fügt schnell hinzu, dass sie lieber über die positiven Seiten von Oderberg sprechen wolle. „Schlechte Presse haben wir schon genug!“ Lieber spricht sie von der steigenden Zahl von Radlern, die in Oderberg vorbeikommen – das Städtchen liegt am Oder-Neiße-Radweg.

Unerwähnt lässt Hähnel die „Häuserretter“, ein Architektenpaar, das sich der Rettung alter Häuser im Barnim verschrieben hat. Mats Ciupka und Kiri Westphal sind auch in Oderberg am Werk gewesen: das zweitälteste Haus der Stadt, ein ehemaliges Fischerhaus, sollte abgerissen werden, nachdem es 20 Jahre lang leerstand. Die Häuserretter schafften es, den Abrissantrag für nichtig zu erklären, es soll jetzt instand gesetzt werden.

Im Zentrum des Ortes, an der rostigen Brücke über die Wriezener Alte Oder, liegt der Raddampfer „Riesa“, eingebuddelt in die Erde neben dem Ufer. Er ist Teil des Binnenschifffahrtsmuseums des Ortes. Erbaut im Jahr 1897, war er bis 1976 auf der Elbe in Betrieb. Sein Sonnendeck mit Blick über den Kanal wäre ein idealer Ort für ein Café. Doch dafür, so Hähnel, fehlen die Gäste. So bleibt der schmucke Dampfer Teil des Museums. Wer die 4 Euro Eintritt zahlt, kann sogar hinunter in den Maschinenraum gehen. Dort ertönt dann wie von Geisterhand die ehemalige Geräuschkulisse der schweren Maschine. Entlang des Weges zum Museum stehen noch einige andere ausgediente Kähne, unter anderem die typischen Kaffen, wie die Lastkähne bezeichnet wurden, mit denen früher Ziegelsteine und Holz auf dem Kanal transportiert wurden.

An einigen Sonntagen belebt sich der Museumspark, dann treten Jazzbands zum Frühschoppen auf. Ihr Podium ist – ganz stilecht – das abgesägte Bug eines alten Dampfers. Ein paar Schritte weiter gibt es einen Kanuverleih, der sogar Kanutouren bis zum Schiffshebewerk Niederfinow anbietet, rund 8 Kilometer flussaufwärts gelegen. Mit dem Kanu die 35 Meter im Wasserbassin angehoben zu werden, ist nicht nur für Kanuten ein im wahrsten Sinne des Wortes erhebendes Gefühl.

Das Museum wurde schon zu DDR-Zeiten angelegt, Mitte der 50er Jahre. Damals war Oderberg noch ein Industrieort. 2015 hatte die ruhmvolle Industrie-Geschichte ihr Ende. In jenem Jahr wurde die MSO Oderberger Stahlbau geschlossen, die im Jahr 1927 als Reparaturwerft gegründet wurde. Zu DDR-Zeiten fungierte sie als VEB Schiffswerft Oderberg und hatte rund 400 Arbeiter. Das war jedoch nichts gegenüber dem 19. Jahrhundert: 1871 gab es in Oderberg sage und schreibe 11 Sägewerke und 15 Schiffswerften, und seit 1874 sogar eine eigene Zeitung! Einige Bauwerke künden noch von den guten Tagen der Stadt Oderberg. Da wäre die Nikolaikirche, am Hang über der Stadt thronend, die aber leider verschlossen ist, und das Rathaus in der Stadtmitte, lange geschlossen.

 

 

 

 

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