Lolland

„Auf Langeland und auf Lolland warst du?“ fragt Sven, gebürtiger Däne, mit skeptischem Gesichtsausdruck. Nicht mal Dänen würden dort Urlaub machen, dort sei ja der Hund begraben, läßt er wissen. Tatsächlich sind Hotels auf den beiden Inseln rar, und touristische Attraktionen erst recht. Wer jedoch dänisches, urtümliches Landleben kennenlernen möchte, ist hier goldrichtig. Dazu kommt ein weiterer, nicht unwichtiger Aspekt: Auf Lolland und Langeland ist das relativ hohe dänische Preisniveau, was Restaurants betrifft, noch nicht so stark ausgeprägt.

Lolland ist mit der Faergen Fähre von Fehmarn in 45 Minuten erreichbar, nach Langeland dauert die Fahrt ebensolang.

Langeland wird seinem Namen gerecht – die Insel ist rund 53 Kilometer lang, aber höchstens 11 Kilometer breit. Einzig im Inselstädtchen Rudkobing kann man etwas bummeln, wobei die Auswahl an Cafés sehr überschaubar ist.

Im Abendlicht sind die niedrigen Küstenwälder auf Langeland besonders eindrucksvoll. Durch die dürren, knorrigen Stämme wandelt man wie durch einen Irrgarten. Durch den ständigen Küstenwind sind die Bäume der Küstenwälder kaum höher als drei Meter – man kann durch sie hindurchlaufen wie durch einen Zauberwald. Wenn ein Baum es einmal höher hinausschaffte, ist sein Stamm oft bizarr gebogen.

„Wenn der Wind durch diese Gänge hier hindurchpfeift, dazu im Hintergrund das Grollen der Wellen und das Knacken der trockenen Baumstämme, dann ergibt das eine ziemlich märchenhafte Stimmung“, schildert es Jan Johansen, der sich beruflich um die Wildpferde auf Langeland kümmert. Es sind insgesamt rund 60 Stück, 1,3 Meter große Exmoor-Ponies bräunlicher Farbe. Sie sind kaum scheu, dass Touristen auf den Wiesen zwischen ihnen herumspazieren, macht ihnen nichts mehr aus. Für Wildpferde machen sie einen äußerst gepflegten Eindruck. „Striegeln tut sie niemand“, versichert Johansen gleich darauf. Ihr weitläufiges Areal ist mit einem Zaun umgeben. „Man darf es betreten, solange man sich an die Regeln hält“, sagt Johansen. Im Sommer finden die Pferde auf den Wiesen genug natürliche Nahrung, in strengen Wintern streut Johansen Raufutter. Die Pferde sind winterfest: „In der kalten Jahreszeit wird das Fell so dicht, dass Schnee darauf liegen bleibt“, erzählt Johansen. Er kümmert sich auch um kranke Tiere.

An der Südspitze der Insel, nahe des verschlafenen Örtchens Bagenkop, ist die Gegend hügelig. Auf den Wiesen wachsen Kornblumen, Klatschmohn, die Hecken sind im August voll mit dunkelvioletten, süßen Brombeeren.

Wer sich für die Geschichte des Kalten Krieges interessiert, wird im Langelandsfort fündig. Anfang der 50er Jahre wurde hier ein Fort auf einem kleinen Hügel gebaut. Unter der Erde befinden sich 12 Bunker, oben stehen vier Kanonen. Von hier überwachten die Dänen seit den 50er Jahren die Aktivitäten des Warschauer Paktes in der Ostsee. Heute im Museum ist ein Teil der Berliner Mauer ausgestellt, außerdem ein echtes U-Boot, ein Segelschiff der Marine und ein MiG-23, ein sowjetisches Kampfflugzeug. Auch Raritäten wie ein Exemplar des ostdeutschen Blücher-Ordens, der nicht-vergebenen Kriegsauszeichnung der DDR ist Teil der Sammlung. Sogar ein Fernsehstudio ist in einem Bunker eingebaut: im Fall des Falles wäre das dänische Staatsfernsehen hierher verlegt worden.

Wer eine Ferienwohnung gemietet hat, kann sich in den Hofläden der Insel mit frischem Gemüse eindecken. Im Frühjahr gibt es Spargel, Erdbeeren und Kartoffeln, im Herbst Kürbisse oder Gurken. Oder man besucht den Herrenhof Skovsgaard, der heute biologisch bewirtschaftet wird und im Restaurant echte Leckerbissen auf Vorrat hat, die jeden Tag von den „Mägden“ frisch zubereitet werden. „Bis vor 20 Jahren war dieser Hof verlassen, es lebte nur eine Nachfahrin der Inhaber in einem Zimmer, und sie hatte 200 Katzen“, erzählt eine Bäuerin vom Hof. Heute ist alles für Besucher hergerichtet, es gibt eine Sammlung alter Traktoren und Landmaschinen, und das Herrenhaus ist ein spannendes Museum für Kinder und Erwachsene. Jedes Zimmer zeigt exakt die Nutzung, die es früher hatte: vom Speisezimmer der Herrschaften mit Speisenaufzug über Waschküche, Kohlenkeller, Hühnerstall bis zum Schlafzimmer der Mägde. Katzen gibt es nicht mehr, selbst das Foto der Katzenfrau ist vor kurzem aus dem Museum verschwunden.

Da Hotels auf den Inseln Mangelware sind, erstaunt es umso mehr, dass eines der besten Hotels Dänemark seinen Sitz auf Lolland hat. Auf den ersten Blick ist der Eindruck des Hotels Bandholm zweischneidig. Das gediegene, historische Haus machte einen formidablen Eindruck, doch das große Fabriksilo am Hafen, aus dem ein sonores Brummen kommt, schreckt ein wenig. Der „Strand“, kaum 50 Meter lang, ist auch nicht gerade das, was Dänemark-Urlauber normalerweise an der Ostsee erwarten. Doch dies sind auch schon die einzigen beiden abträglichen Punkte des Ortes. Und schließlich handelt es sich um ein historisches Haus aus dem Jahr 1886, das mit viel Liebe zum Detail restauriert wurde.

Im Erdgeschoss hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos, die auf die Geschichte neugierig machen. Auf den 50 Metern vom Hotel bis zum Strand gibt es ein altes Bahngleis; einst fuhr die Eisenbahn vom Bahnhof in der Ortsmitte bis zum Hafen. Aus dieser Blütezeit des Handels, damals wurde vor allem Getreide verschifft, stammt das Hotel. Im Ort selbst gab es 53 Geschäfte, mehrere Banken, und zwei Hotels, von denen das Bandholm das vornehmere war. Beim Schlendern durch den verschlafenen Ort mit den urigen Backsteinhäusern sieht man schnell, dass Bandholm heute kein Handelsort mehr ist. Der Bahnhof wird nur noch an einigen Tagen für Fahrten mit dem Dampfzug genutzt. Von den Geschäften ist nur noch ein Laden in einem alten Getreidemagazin übrig. Hier gibt lokales Kunsthandwerk, das hier noch sehr hausgemacht wirkt.

 

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