Korinth

„A Destination full of surprises“

Eine Entdeckungsreise für Journalisten nach Korinth brachte ungeahnte Qualitäten Griechenlands zutage

„A destination full of surprises“ – so wirbt der Flyer des Küstenortes Loutraki am Golf von Korinth. Wieviel Wahrheit in diesem „Claim“ steckte, sollten fünf deutsche Journalisten in sechs Tagen entdecken. Die Gruppe: eine Journalistin der „Welt“, eine Journalistin der „Passauer Neuen Presse“ und zwei Journalisten aus Berlin, die eine Online-Reiseseite betreiben, die nach eigenen Angaben 1,1 Millionen PIs pro Monat hat.

Wir würden in einem „sehr, sehr guten Hotel“ wohnen“, schrieb die freundliche Dame des Griechischen Fremdenverkehrsamtes aus Frankfurt in einer mail kurz vor der Reise. Es klang verheißungsvoll. Überraschung Nummer eins ließ nicht lange auf sich warten: die Limousine, die uns vom Flughafen abholte, hielt nach etwa einer Stunde Fahrt vor einem scheinbar leerstehenden, ziemlich trist aussehenden Hotel der 1-Stern-Kategorie an der Küste, kurz nach einer riesigen Ölraffinerie. Das ist doch wohl nicht… Nein, das Hotel sollte nicht für die Übernachtung sein, sondern für das Willkommensessen. Obwohl das Hotel leer war, Nachsaison im Oktober, kam das griechische Willkommensessen erst nach einer Stunde Wartezeit. Eisbergsalat, gegrillter Fisch, Pommes Frites und Feta-Käse sehr einfacher Qualität – leider nichts, was man den Magazinen in Deutschland als „kulinarische Entdeckung“ verkaufen könnte. Immerhin hatten die streunenden Katzen, die um die Tische schlichen, auch ein Abendessen.

Vom Saronischen Golf ging es nun an den benachbarten Golf von Korinth, in das größte und beste Hotel der Gegend – in den „Resort Club Casino Loutraki“, ein Fünf-Sterne-Hotel aus dem Jahr 2001, das allerdings rund 20 Jahre älter wirkte. Im Oktober war noch Badezeit, doch mehr als drei oder vier Gäste verirrten sich hier kaum noch an den Kiesstrand. Himmlische Ruhe! Aber nicht im Casino, das, wie Ioannis Vrachatis, der PR-Manager des Hauses, verriet, einst das größte Casino Europas war. Welches Casino es jetzt überholt hat, habe ich nicht in Erfahrung bringen können – doch die Dimensionen des 24 Stunden am Tag geöffneten Spielhölle sind immer noch gewaltig: es gibt 80 Spieltische für Roulette, Black Jack und Poker, hunderte von Spielautomaten und natürlich ein Restaurant. Was aber noch mehr erstaunte: das Casino brummte vor Menschen, die mit gut gefüllten Portmonnees und glühenden Augen vor den einarmigen Banditen saßen, oder konzentriert um die Spieltische standen. Touristen waren kaum darunter, das Casino lebt vor allem von der einheimischen Bevölkerung.

Ich überlegte kurz, das Reportagethema auf das Thema „Krise in Griechenland – in den Medien und in der Wirklichkeit“ abzuändern, verfiel dann aber selbst in den Zockermodus. Der PR-Manager arrangierte für die Journalisten die freie Ausgabe einer „International VIP Card“ in blau, die jeden Tag ein Startguthaben von 25 Euro auswies. Dazu Freigetränke in beliebiger Anzahl, sowie Essen im Casino-Restaurant, das allerdings nur eine Kopie des Hotelrestaurants war.

Schon am zweiten Abend hatte ich den Dreh raus und vermehrte das Startkapital auf 123 Euro – fast so viel, wie mir die deutsche Zeitung für den Abdruck der Reisereportage zahlen würde. Auch die anderen vier Journalisten waren Abend für Abend im Casino, zumal das abendliche Programm der Journalistenreise jeden Tag gleich lautete: „Rückfahrt ins Hotel. Abendessen.“

„Besuch der historischen und kosmopolitischen Stadt Loutraki“ lautete der Text des Programms an Tag eins. Weil der Ort praktisch ausschließlich aus langweiligen Plattenbauten der 50er Jahre bestand, führte Nikolaos vom Tourismusamt die Gruppe in das Thermalbad des Ortes, in dem gerade eine Seniorengruppe bei der Aqua-Gymnastik ihren Spaß hatte. Alles machte einen properen Eindruck, das Haus war geschmackvoll restauriert. Am Nachmittag dann das unvermeidliche griechische Kloster auf dem Berg, „Osios Potapios“. „No Photo“ ruft die Nonne mit schriller Stimme, als fünf Journalisten, mit Kameras bewaffnet, vor der Kapelle stehen. Enttäuschte Mienen, doch so sollte es in jedem Kloster ablaufen. „Bestaunen Sie die bekannte Vouliagmeni Lagune, umgeben von einer üppigen Landschaft“ hieß es weiter im Programm. Die Gruppe bestaunte nicht nur, sie badete in warmem, kristallklaren Wasser.

Am nächsten Tag fährt Nikolaos hoch in die Berge, die Straßen sind sehr eng und sehr steil. Im Kloster des Heiligen Georgios werden die Kameras schon gar nicht mehr ausgepackt, die Sicht in die „atemberaubende Landschaft“ ist auch so ganz nett. Am künstlichen See „Doxa“ gibt es jeden Sommer ein tolles Musikfestival, Einheimische kommen dann zum Camping am Seeufer. Jetzt ist alles leer und verlassen, die Szenerie mit den hohen Bergen und dem blauen Bergsee wirkt wie in der Schweiz. Städter aus Athen nutzen diese Region im Winter zum Skifahren, erzählt Nikolaos.

Am letzten Tag dann der unvermeidliche Sightseeing-Stop am Kanal von Korinth, nur 10 Minuten vom Hotel entfernt. Busse entladen Pulks von Kreuzfahrttouristen in kurzen Hosen, die alle bis zur Brücke laufen, um ein Selfie zu machen, und dann wieder in den Bus steigen. Auch die deutschen Journalisten machen es nicht anders.

Halt! Da ist noch der Besuch des „kosmopolitischen Ortes Xylokastro“. Hier gibt es ähnlich wenig zu sehen wie in Loutraki, doch immerhin empfängt uns der Bürgermeister des Ortes, Ilias Andrikopoulos, persönlich in seinem Amtszimmer, verschanzt hinter einem gewaltigen Schreibtisch. In einer langen Rede betont der Würdenträger die Vorzüge seiner Stadt, die gute Freundschaft mit der deutschen Partnerstadt Fürth und überreicht einen Prospekt über Xylokastro auf deutsch. Der Ort hat tatsächlich eine lange touristische Tradition, im Jahr 1906 gab es hier einen der ersten FKK-Strände Europas. Das Flair ist allerdings dahin. „Auch heute noch ist Xylokastro eine beliebte Urlaubsregion für Griechen und internationale Gäste“, wirbt der Prospekt schmeichlerisch. Die deutschen Journalisten werden zum Abschluss in ein wieder fast leeres Hotel geführt und bekommen ein echtes Touristenessen: Schnitzel, Pommes Frites und Streuselkuchen. Die Destination der Überraschungen ist abgehakt, jetzt nur noch: „Transport der Journalisten zum Flughafen Eleftherios Venizelos.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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