Der Champagner Pallas

Wie ich herausfand, das ich das gleiche Auto wie Erich Honecker fuhr

Es war im Meilenwerk, dem Lieblingsziel in Berlin für Oldtimer-Enthusiasten, vor einem Jahr. Das Auto stand in einer Nische, und das Design nahm mich auf den ersten Blick gefangen. Stromlinienform, Goldmetallic-Lackierung, grün-bläulich getönte Scheiben, innen üppige Polster in Rostfarbe, der Teppich in ähnlicher Farbe, nur eine Stufe dunkler. Solche Autos werden heute nicht mehr gebaut, werden sie überhaupt noch einmal gebaut?

Der Citroen CX 2400 Pallas, Baujahr 1976, sollte 12.500 Euro kosten. Mein Sparbuch musste geleert werden, das Auto musste es sein. Zumal sich die dazugehörige Beschreibung, sorgsam vom Fachhändler getextet, äußerst vielversprechend las: „Als Peugeot 1974 die Firma Citroen übernahm, war die Entwicklung des CX gerade abgeschlossen und das Auto fertig für die Markteinführung. Als Nachfolger der DS hatte es das Auto, obwohl es sich ähnlich wie die DS aus der Masse heraushob, zunächst schwer. Als die Jahresproduktion jedoch schon 1975 die 100.000 überschritt, war klar, dass das Auto im Markt als würdiger Nachfolger der DS akzeptiert wurde. In den letzten drei Jahren beobachten wir einen extremen Anstieg des Interesses und wir sind sicher, dass diese Autos in sehr naher Zukunft zu den begehrten Oldtimern zählen werden. Das Kürzel CX beschreibt im Französischen den CW-Wert, also den Luftwiderstandsbeiwert, und da dieses Auto eines der ersten war, was wesentlich im Windkanal entwickelt wurde, verwendete Citroen das Kürzel gleich als Modellbezeichnung. Das Design stammt von Robert Opron und hat, wieder ähnlich wie bei der DS, Maßstäbe gesetzt. Bis 1991 wurden 1.170.645 Exemplare produziert. Dieser CX Pallas wurde am 8.11.1976 in Pierrvert, etwa 50 Kilometer nördlich von Aix-en-Provence, erstmals zugelassen und gehört damit zum ersten Modelljahr mit dem von 2.2 auf 2.4 Liter vergrößerten Motor. Das Auto kommt aus erster Hand, was durch die französischen Fahrzeugpapiere, die nach 1976 nie erneuert wurden und daher immer noch Gültigkeit haben, belegbar ist. Der Kilometerstand von 92.462 entspricht, laut Angaben des Erstbesitzers, der gesamten Laufleistung des Fahrzeugs. Das Fahrzeug ist völlig original erhalten und sogar die gesamte Lackierung ist noch die, die Citroen 1976 im Werk aufgetragen hat. Das gesamte Blechkleid inklusive des Unterbodens ist ebenfalls in super guten originalen Zustand. Selbst die Innenausstattung zeigt kaum Abnutzung. Unser Preis versteht sich inklusive einer behutsamen Aufarbeitung, einem neu versiegelten Tank und natürlich mit neuer Hauptuntersuchung.“

Eine Probefahrt durch Moabit bewies, was der Werbetext versprach. Außer, dass die Gangschaltung mit 4 Gängen mittlerweile etwas ruppig geworden war, fuhr der Wagen tatsächlich wie neu. Hinten keine Gurte, ok, die hatte ich auch noch nie vermisst. Eher schon den rechten Seitenspiegel, aber auch hieran würde ich mich gewöhnen. Wie die DS verfügt der CX über eine Hydraulik, die auf manuell oder Automatik geschaltet werden kann. Im parkenden Zustand sitzt der Wagen tief wie ein Porsche auf der Erde. Nach dem Anlassen erwacht er zum Leben: erst bäumt er sich auf der Hinterachse auf, dann hebt sich die Vorderachse um etwa 15 Zentimeter. Dank dieser Hydraulik kann der Wagen sogar mit 3 Rädern fahren, lese ich später im Internet; ausprobieren möchte ich das lieber nicht. Mit der Hydraulik kann man aber trotzdem bei jeder Fahrt Eindruck schinden!

Im Gegensatz zu den späteren Modellen hat mein CX noch den futuristischen Bänder-Tachometer, der sich mit einer gelblichen Beleuchtung dreht. An einige Funktionen im gut ausgestatteten Cockpit muss ich mich erst gewöhnen. Die Funktionen einiger Lämpchen habe ich bis heute nicht herausgefunden. Es gibt keine Hebel für Blinker oder Licht, sondern nur Schalter. Auch die Regulierung des Choke im Winter erfordert einiges Fingerspitzengefühl, man sollte ihn weder zu früh, noch zu spät wieder hereindrücken.

Das haben wahrscheinlich auch die Motorjournalisten erfahren, denen der Wagen erstmals im Jahr 1974 in Lappland präsentiert wurde. Wie die meisten Autofirmen, wollte Citroen den Motorjournalisten etwas besonderes bieten und lud auf Firmenkosten zur Präsentation nach Lappland ein. Damit nicht genug, durfte jeder Journalist „seinen“ CX selber zurück nach Paris zu fahren! Zwischen 25.000 Francs und 30.000 Francs musste man damals für einen CX berappen, ein relativ hoher Preis für ein Modell dieser Klasse. 1975 wurde der CX zum Auto des Jahres gekürt, der Golf landete auf Platz 2. Mit 4,9 Meter Länge war das Fahrzeug relativ lang, bot dafür einen großen Kofferraum. Die Beladung ließ sich sehen: dank der hydropneumatischen Federung ist eine Beiladung bis zu 700 Kilogramm möglich, was den CX auch zum Kurierfahrzeug prädestinierte. Zeitungsverlage nutzten ihn damals als schnelles Lieferfahrzeug. Ein weiteres innovatives technisches Detail: die Servolenkung war abhängig von der Geschwindigkeit, mit zunehmendem Tempo wurde sie geringer. In der Parkposition stellen sich die Räder immer geradeaus.

Bei der nächsten längeren „Probefahrt“ merkte ich, wie weich der Wagen gefedert ist, und wie weich die Polster sind. Solche Polstersessel werden für heutige Autos gar nicht mehr produziert! Weil es damals ja noch kein GPS gab, hat der Beifahrersitz eine abnehmbare Leseleuchte für das Lesen des Autoatlas, die ebenfalls immer noch funktioniert. 115 PS hat der Wagen, doch auf die angegebene Geschwindigkeit von 185 Km/h komme ich auf der Autobahn kaum. Was solls, ich habe auch keinen Rennwagen gekauft. An der Tankstelle muss ich zum Superbenzin immer noch eine Ladung Blei-Ersatz schütten, denn für Bleifreies Benzin ist der Motor nicht gemacht. Mit rund 12 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer ist es allerdings nicht gerade ein sparsames Auto.

Das Radio ist ebenfalls original aus dem Jahr 1976 und empfängt ausschließlich Mittelwelle und Langwelle. Also praktisch gar keinen Sender des Jahres 2017. Eine nagelneue Anlage mit MP3 und Stereo-Surround möchte ich nicht einbauen, das würde nicht passen. Ich finde auf ebay schließlich ein altes Autoradio mit Ultrakurzwelle und Drehknopf für 30 Euro, das ich von der Werkstatt einbauen lasse.

Bei einer sommerlichen Fahrt auf den Darß passiert es dann: auf einmal wird der vollgetankte Wagen immer langsamer, nimmt kein Gas mehr an und bleibt dann stehen. Abschleppen! In der nächsten Werkstatt vor Rostock, einer Werkstatt für alle Marken, wechselt der Mechaniker Zündkerzen und rätselt lange herum: der CX will nicht mehr. Also wieder Abschleppen, diesmal zur Fachwerkstatt im Berliner Meilenwerk: die Benzinpumpe muss erneuert werden. Bei rund 100 Euro Stundenlohn, rund doppelt so viel wie in Mecklenburg-Vorpommern, werde ich 550 Euro los. Leider hält die Freude nicht lange: kurze Zeit später, als ich den Wagen stolz einer Freundin in Reinickendorf vorführen will, bildet sich auf einmal eine Benzinpfütze unter dem Tank: zur Werkstatt! Der Tank, den die Werkstatt ja laut Beschreibung neu versiegelt hat, ist nicht schadhaft, es ist vielmehr der Benzinanzeiger, der gebrochen ist und so Benzin herausgedrückt hat, wie der Werkstattchef später erklärt. Er hat einen solchen Anzeiger im Internet gefunden, er würde 400 Euro kosten, plus 400 Euro für den Einbau. Ich verzichte auf solche Räuberpreise, und tatsächlich funktioniert der Benzinanzeiger bis heute auch so, und kein Benzin läuft mehr aus.

Leider muss ich die Werkstatt in den kommenden Wochen doch noch einmal abschleppen lassen: der Wagen nimmt das Gas wieder nicht mehr an. Schuld ist diesmal der Verteiler, der Unterbrecher und der Zündkondensator und die Zündkontakte. Wieder 550 Euro. Ich zweifle an meiner Entscheidung mit der Wertanlage; eine Wertanlage scheint der Wagen eher für die Autowerkstatt zu sein. Auch der ADAC macht kein gutes Geschäft mit mir, so oft wie der CX werden bestimmt nur sehr wenige Kunden abgeschleppt!

Beim nächsten winterlichen Ausflug nach Wandlitz kommt beim Parken ein Nachbar neugierig auf mich zu, und erklärt, dass er vor rund 30 Jahren Erich Honecker, der ja damals in der Waldsiedlung bei Wandlitz wohnte, täglich mit genau diesem Wagen nach Berlin gefahren sei. Der Chef eines kommunistischen Landes in einer französischen Luxuslimousine? Ich kann es kaum glauben, doch Google gibt dem Mann Recht:

Dank eines Joint-Ventures zwischen der Sachsenring und Citroen kaufte die DDR-Führung einige Citroen als Limousinen für die Staatsführung. Honecker hatte einen gepanzerten CX25 als „Sonderschutzfahrzeug“, daneben einen CX 25 Prestige Turbo 2. Er war ausgestattet mit in Karos gesteppten Lederpolstern, und angeblich war Honecker besonders angetan von der Federung, denn die Straße in die Waldsiedlung Wandlitz war damals noch recht holprig. Der Prestige wurde im Jahr 2000 in Berlin versteigert, einen guten Preis erzielte er nicht. Im Gegensatz zu Karossen anderer Präsidenten wollte das Auto Honeckers niemand haben. Der andere goldfarbene Prestige steht heute im Verkehrsmuseum Dresden und ist blankpoliert, mit DDR-Flaggen auf rotem Grund neben den Scheinwerfern wie bereit für den nächsten Staatsempfang.

1989 bestellte Honecker noch einmal für Staatsempfänge eine gestretchte Version des CX, vom schwedischen Karosseriebauer Nilsson verlängert, denn der Besuch von Francois Mitterand stand an. Für zwei dieser Karossen bezahlte die Staatsführung rund 18.000 Euro pro Stück.

Ein Problem, das Honecker damals wahrscheinlich nicht hatte: der „Duft“ im Wageninneren. Der 42 Jahre alte CX riecht modrig, so wie in der alten Gartenlaube meines Großvaters. „Da musst du was machen, gerade wenn du mal ein Date hast“, flüstert mir eine gute Freundin zu. Frauen wären sehr geruchsempfindlich. Die Freundin rät mir zu Lavendelsäckchen. Ich deponiere ein halbes Dutzend im Auto, doch es hilft nichts. Der Geruch hat sich während 42 Jahren festgesetzt und lässt sich nicht so einfach vertreiben. Was solls, muss das Date eben leiden…

 

 

 

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