Radweg Berlin Kopenhagen

Von Berlin nach Kopenhagen in 7 Tagen mit dem Rad

Sind 90 Kilometer pro Tag noch Slow Travel?

650 Kilometer durch Deutschland und Dänemark zu radeln, und das nur auf Radwegen – ein Traum! Dazu braucht man sich keine Sorgen machen, vom richtigen Weg abzukommen, denn der Radweg Berlin-Kopenhagen ist durchgehend beschildert. Wirklich? Die Realität sieht dann doch etwas anders aus, aber dazu später. Radler, die sich nicht durch den Hauptstadtverkehr quälen möchten, können auch in Spandau am nordwestlichen Rand der Stadt starten.

Offizieller Startpunkt ist der Schlossplatz in Mitte, wer also durchs Brandenburger Tor radeln will, muss dort beginnen. In Spandau führt der Weg dann entlang an idyllischen Kleingartenkolonien am Havelufer entlang, und plötzlich ist die lärmige Großstadt ganz, ganz weit weg. Zum Teil ist der Radweg hier ehrgeizig auf Holzstegen über dem Ufermorast verlegt. Die „Bürgerablage“ im Spandauer Forst ist die erste Badestelle, ein schönes Fleckchen Erde für die erste Pause mit Wasser, Banane und Schokolade. Rund 90 Kilometer Radweg sind pro Tag vorgesehen, da sollte noch genug Zeit für Pausen und Kirchenbesichtigungen bleiben.

ES IST KEIN RADWEG!

Dass der Radfernweg schon einige Jahre auf dem Buckel hat, merkt man an den Symbolen, die ihn markieren: das Logo mit dem geschwungenen Kreis und den drei Strichen darin ist an vielen Kreuzungen schon stark ausgebleicht, manchmal auch von Büschen überwuchert. Schnell stellt sich auch heraus, dass der Radweg Berlin Kopenhagen kein RICHTIGER Radweg ist, sondern ein Sammelsurium aus geteertem Radweg, Abschnitten mit Kopfsteinpflaster, Verbundstein, Landstraße, Feldweg oder manchmal sogar Waldweg mit Baumwurzeln, über die man das Rad mit den beiden gut gefüllten Satteltaschen schieben muss.
Tim, der die Tour zum zweiten Mal fährt, ist fast schon Profi-Radsportler und auch so gekleidet, samt Schutzhelm und gepolsterter Hose. Von ihm lernt die Kleingruppe die Radfahrersignale, die auf Gefahrenstellen wie Schlaglöcher, schnell herankommende Autos oder Bodenschwellen mit verschiedenenartigen wedelnden Handbewegungen hinweisen. Die Hand hält Tim dabei vorschriftsgemäß hinter seinem Rücken, während er geradeaus schaut. Zur Gewichtsoptimierung hat Tim nur die Kleidung mitgenommen, die er am Körper trägt – abendlich wird diese im Hotel dann von Hand gewaschen.


Schon im ersten Städtchen, Hohen Neuendorf, gibt es die erste Verirrung: innerhalb des Dorfes ist der Radweg auf einmal nicht mehr ausgeschildert! Einheimische und das Handbuch „Radfernweg Berlin Kopenhagen“ helfen weiter. In Oranienburg ist die Orientierung leichter, hier verläuft der Weg immer am Ufer des Lehnitzsees. Zeit für eine Mittagsrast in einem Restaurant am Seeufer, wo auch der Akku für das E-Bike aufgeladen werden kann. Insgesamt sind die Steigungen auf dem Radweg sehr gering, die 100-Meter Marke wird nur selten erreicht. Am Nachmittag steht ein kultureller Punkt auf der Tagesordnung: die Besichtigung des Ziegeleiparks Mildenberg. Hier wurden in der Gründerzeit die Millionen von Ziegeln gebrannt, aus denen Berlin erbaut wurde! Man kann mit der alten Ziegelei – Bahn im Schneckentempo über das Gelände fahren, in die riesigen Brennöfen steigen und am Ende sogar selbst einen Ziegel aus Lehm formen!

Wo schlafen wir?

Kaum vorstellbar, dass mit der vergleichsweise primitiven Technik in der DDR bis 1990 hier Ziegel gebrannt wurden und mit dem Schiff von der Ziegelei direkt nach Berlin verschifft wurden. Hotels oder Pensionen entlang des Radfernweges im vorhinein zu buchen, war eigentlich nicht nötig. Entlang der Route gibt es fast in jedem Dorf einfache Gästezimmer oder Ferienbungalows, die preisgünstig zu mieten sind. Auch Bauernhöfe haben manchmal Gästezimmer. Das gilt allerdings nur für den deutschen Teil der Route, in Dänemark sind sowohl Restaurants als auch Pensionen sehr dünn gesät, hier ist eine Reservierung sehr nützlich!
Nach Fürstenberg schlängelt sich der Radweg entlang gelb blühender, duftender Rapsfelder durch die Mecklenburgische Seenplatte, alle paar Kilometer tun sich wunderbare Blicke auf blaue Waldseen auf. Dazu permanenter Rückenwind, Sonne und 19 Grad – der Mai ist eben der ideale Radlermonat! Entschleunigtes Reisen liegt ja sowieso im Trend, und tatsächlich nimmt man Landschaft und Menschen vom Fahrrad viel intensiver wahr, als irgendwohin mit dem Flugzeug zu düsen.


Im Ort Himmelpfort, eingequetscht zwischen vier Seen, geht es vorbei am Weihnachtspostamt, wo noch gähnende Leere herrscht. Am Campingplatz am Ellbogensee dann Kaffeepause, an dem Bio-Campingplatz wird ein vorzüglicher Kaffee aus nachhaltigem Anbau serviert.
Die nächste Übernachtung ist in Waren an der Müritz, hier gibt es viele Hotels und einige Restaurants. Allerdings ist das Städtchen um den Hafen herum dermaßen modernisiert, dass vom alten Flair kaum noch etwas übrig ist. Zwischen Waren und Güstrow, dem nächsten Etappenziel, ist der „Radweg“ zum Teil derart sandig, dass die Räder versacken und dass geschoben werden muss. In Wesenburg, in idyllischer Atmosphäre am Woblitzsee gelegen, vermerkt der Reiseführer, dass in der gothischen Marienkirche eine sagenumwobene Kette aufbewahrt wird, die der Teufel höchstpersönlich geschmiedet haben soll. Doch auch nach intensiver Suche ist in der kleinen Kirche nichts davon zu sehen. Dafür gibt es eine kostenlose Nachfüllung für die Fahrrad-Trinkflasche mit Leitungswasser in der Bäckerei.

Suche nach der teuflischen Kette

Es kommen eine Reihe idyllischer Dörfer, Mühlen und Schlösser, und dann eine schöne Rast an der Havelquelle, zu der man einen 500 Meter langen Umweg fahren muss. Sie pladdert auf dem Boden behäbig in eine steinerne Schale, bildet aber immerhin die Wasserscheide zwischen Nordsee und Ostsee. Auf den Feldern links und rechts sind immer wieder große Vögel, Kraniche, Flugenten und Fischadler zu sehen, die im Müritz Nationalpark beheimatet sind.
In Krakow am See, einem weiteren abgelegenen Ort, der schon von Theodor Fontane erwandert wurde, gibt es ein Buchdruckmuseum. Doch die Türen sind leider verschlossen, obwohl laut Öffnungszeiten geöffnet sein müsste. Eine herrliche Rast kurze Zeit später auf einem Steg, der in einen klaren, menschenleeren See ragt. Doch es wird Abend und das gebuchte Hotel „Villa Camenz“ in Güstrow muss erreicht werden. Nach Güstrow wird es dann sehr eben, das Meer ist jetzt nicht mehr weit. Auffällig ist die große, mittelalterliche Nikolaikirche im Rostocker Stadtzentrum, in deren Dach rund 20 Wohnungen mit Balkonen eingebaut sind – ein innovatives Architekturprojekt aus DDR-Zeiten! Von hier geht der Weg etwas umständlich durch Plattenbauviertel zum Überseehafen, wo die Fähre ins dänische Gedser ablegt. In der riesigen, brandneuen Fähre wirken die Räder im Frachtraum etwas verloren.

Wow!

Knapp zwei Stunden Überfahrt werden mit 8 Euro für ein Rad und eine Person berechnet, ein echtes Schnäppchen! In Dänemark kommt dann ein anderes Preisniveau auf die Radler entgegen. Für einen Hamburger mit Pommes Frites muss man hier mit 20 Euro kalkulieren, ein Glas Leitungswasser dazu wird mit 2 Euro berechnet. Erste Übernachtung in Nykobing im Hotel Falster, im Industriegebiet. Weil pro Tag rund 90 Kilometer auf dem Plan stehen, bleibt keine Zeit, das Städtchen zu besichtigen. Eine Massage für die müden Knochen wäre jetzt richtig gut, doch leider bietet das Hotel diesen Service nicht.

Die nächste Fähre, die das Meer zwischen Stubbekobing und Bogo verbindet, fährt extra für die Radgruppe, und das zum Preis von 6 Euro pro Person und Rad! Es ist ein historisches hölzernes Fährschiff, die „Ida“.
Gott ist mit der Radlergruppe: genau an der Borre Kirke, kurz nach dem Fährhafen, ist der Akku wegen des Gegenwindes fast alle. Zufällig ist die Borre Kirke eine „radfahrerfreundliche Kirche“, sie bietet nicht nur eine Steckdose, sondern auch eine Luftpumpe und einen Wasserhahn, um die Wasserflaschen aufzufüllen. I am happy! Nächster Halt in Faxe Ladeplads, wo Marc van Appeler im Supermarkt enttäuscht wird: kein Faxe-Bier mehr da! Dafür Übernachtung in der geräumigen Ferienwohnung auf dem Bauernhof von Folehavegaard am Ortsrand.

Faxe Bier

Landschaftlich bietet die letzte Etappe in Dänemark bis Kopenhagen wenig, rechts und links säumen endlose Felder mit modernen Bauernhöfen den Weg. Was war das? Im Vorgarten eines schnuckeligen dänischen Landhauses grast ein echtes Pferd! Erinnerungen an Pippi Langstrumpf und ihr weißes Pferd werden sofort lebendig.


Der Popo, nach sechs Tagen auf dem Sattel, möchte sich jetzt auch lieber gehend vorwärtsbewegen! Die Gruppe teilt sich in Koge, wo die S-Bahn zum Hauptbahnhof Kopenhagen abfährt. Tim zieht die Tour durch und radelt bis ins Zentrum von Kopenhagen, die anderen nehmen die S-Bahn (S-tog, 15 Euro) und fahren bis zum Hauptbahnhof auf Schienen.
In Kopenhagen ist das Hotel Cabinn City gebucht (137 Euro inklusive Frühstück), die Räder können hier auf dem Innenhof abgestellt werden. Die Radwege in der sagenumwobenen Radfahrerstadt ernüchtern allerdings: sie sind zwar gut ausgelastet, aber haben an vielen Stellen eine Überholung nötig, und die Autofahrer in Kopenhagen pochen genau wie in jeder anderen Großstadt auf ihre Vorfahrt. Der Eintritt in den Tivoli, den ältesten Vergnügungspark Europas, kostet mässige 16 Euro. Doch dafür ist man bei einer Fahrt mit 11 Euro dabei – leider zu teuer!
Dafür ist die Rückfahrt mit dem Flixbus fast geschenkt: die durchgängige Fahrt nach Berlin, inklusive Fähre, kostet mitsamt Fahrradtransport weniger als 30 Euro.

Literatur:
Radfernweg Berlin-Kopenhagen mit Live Update und GPS tracks
Bikeline
13,90 Euro

Kopenhagen
Dumont Direkt
11,99 Euro

 

 

 

 

 

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