Naturisten in Aquitanien

Zum ersten Mal nackt!

An der Aquitaine an der französischen Atlantikküste gibt es Nudistendörfer mit Platz für mehr als 10.000 Nackt-Urlauber
Der Eindruck des Prospektes vom Nudistendorf „Centre Heliomarin de Montalivet“ täuscht: am Strand, vor den Chaletes und in der Hängematte tummeln sich vor allem junge, wohlgeformte Frauen. Die Realität: der überwiegende Teil der nackten Urlauber sind, wie überall in Europa, vor allem alte, dickbäuchige Männer.

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Ich habe mich getraut und eine Reise in den Club Naturiste „La Jenny“ in der Nähe von Arcachon am Atlantik gebucht. Hier, in der Aquitaine, gibt es mehrere Naturistendörfer, wie Nudisten in Frankreich genannt werden. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es nur bestimmte Strandabschnitte für FKK-Anhänger gibt, ist in Frankreich die gesamte Ferienanlage hüllenlos. Das heißt, man kann nackt in den Supermarkt gehen, ins Restaurant oder auch zum Friseur. Nackt auf dem Fahrrad fahren darf man nur bis zu den Grenzen des zwei Kilometer langen Geländes – wer das Gelände verläßt, muss sich wenigstens einen Bikini oder eine Badehose anziehen.

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„Bei uns darf man nackt sein, es ist aber kein Zwang“, erläutert Jean Lou, der seit vielen Jahren Naturist ist, die Lebensweise. Tatsächlich sieht man in „La Jenny“ viele Pärchen, bei denen der Mann nackt ist, während seine Partnerin sich in einen Pareo hüllt oder sogar ganz angezogen ist. Darauf angesprochen, erklärt Jean Lou, dass „Frauen im allgemeinen“ leider viel kritischer mit sich selbst sind und sich nackt in der Öffentlichkeit oft nicht wohl fühlten. Demnach ist die treibende Feder bei der Buchung des Naturistenurlaubs wohl der Mann. Die gesamte, sieben Hektar große Anlage schützt ein mannshoher, blickdichter Zaun. Der wurde vor einigen Jahren gebaut, weil es Probleme mit Spannern gab. Drinnen sieht es aus wie in jeder gehobenen Ferienanlage: auf dem hügeligen, weitläufigen Gelände sind geräumige Mobile Homes, Chalets mit großen Sonnenterrassen und kleine Villen verteilt. Jedes Chalet umgibt ein großer Garten, so dass man Nachbarn kaum wahrnimmt. Generell ist die Anlage eher für Urlauber, die die Ruhe suchen – Animation gibt es ebensowenig wie eine „boite“, eine französische Diskothek.

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Viele Villen sind in Privatbesitz, und die Eigner kommen öfters vorbei, um Urlaub zu machen. Große Schilder am Eingang des Nacktparadieses weisen in französisch, englisch und deutsch darauf hin, dass man sich auf einem Naturistengelände befindet. „Leben Sie nackt!“ heißt es unmissverständlich.
Jean Lou, so erzählt er, hat das Naturistenleben schon als Kunststudent entdeckt. „Uns fehlte damals im Zeichenkurs ein Modell, und ich hatte mich geschämt, mich zu entblößen. Aber ein Freund, der Naturist war, hatte keine Problem und meldete sich als Modell.“ Das imponierte Jean Lou. Jener Kommilitone nahm Jean Lou dann mit zu „La Jenny“, und ab da war es um Jean Lou geschehen. „Ich war sofort begeistert von dem ungezwungenen Umgang und den netten Bekanntschaften dort“, erzählt er.

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Die Angestellten der Anlage sind beileibe nicht alles Naturisten. In den Restaurantküchen und im Service ist Nacktheit aus Hygienegrünen sowieso nicht erlaubt. Die wenigen Angestellten, die nackt arbeiten, haben jedoch einen Bonus bei den Kunden. Eine Besonderheit in „La Jenny“ ist der Golfplatz – der weltweit einzige Golfplatz übrigens, auf dem nackt gespielt werden kann. Er ist klein, hat sechs Löcher und einen Abschlagsplatz. Dafür braucht man keinen Golf-Wagen, sondern kann zu Fuß von Loch zu Loch gehen. Und sich nebenbei nahtlos bräunen.
Nach einigen Tagen habe ich mich völlig an das nackte Leben gewöhnt. Nackt – doch immer mit einem kleinen Handtuch! Diese Regel lernte ich schnell, denn beim Fahrradfahren, auf dem Stuhl im Restaurant oder an der Bar, legen sich Naturisten immer ein Handtuch unter. Der Hygiene wegen. Beim Radeln, am Strand oder in den hohen Wellen des Atlantiks die Luft und das Wasser am ganzen Körper zu spüren, keine lästige nasskalte Badehose am Körper zu spüren – ich kann jetzt nachfühlen, wo die Triebfeder der Naturisten ihren Ursprung hat.

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Auf La Jenny gibt es eine große Anzahl von deutschen Urlaubern, viele kommen jedes Jahr wieder. Allerdings erzählen einige ihren Freunden oder Arbeitskollegen nicht genau, wie sie ihren Urlaub verbrachten. FKK ist in Deutschland immer noch ein Tabu-Thema, so makaber sich das im Jahr 2016 auch anhört. „Ich kann mich erinnern, dass ein Angestellter, der inkognito kam, hier seinen Chef angetroffen hat, und dann war es super peinlich“, amüsiert sich Jean Lou. Auf deutschen Internetseiten kursieren immer noch seltsame FKK-Magazine wie „Sonnenfreunde“ oder „Jung & Frei“, die Nacktfotos von Kindern publizierten. Erst 1996 wurde Jung & Frei auf den Index gesetzt, doch die Nachwirkungen dauern an.

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Wenn man von „La Jenny“ an den weiten Atlantikstrand läuft, muss man einen Pinienwald durchqueren. Er ist öffentliches Gelände, und ein Schild weist darauf hin, dass man sich „minimal“ bekleiden sollte. Da man hier aber kilometerweit von menschlichen Siedlungen entfernt ist, laufen praktisch alle nackt die 200 Meter bis zum Nacktbadestrand. Kilometerweit gibt es hier nichts als weißen, feinen Sand und türkisblaues Meer, eine einzige Strandbar verkauft Getränke. Wegen der Strömungen und des tiefen Wassers ist das Baden allerdings nicht ganz ungefährlich.

In der Nähe von „La Jenny“ gibt es noch weitere drei Naturistendörfer, die jedoch lange nicht so edel gestaltet sind. Das größte nennt sich „Euronat“, hier wohnen rund 10000 Nackturlauber in der Hochsaison. Für sie gibt es noch ein Spa mit Thalasso-Behandlungen und einen Marktplatz mit mehreren Geschäften und Restaurants. Auch reiten ohne Bekleidung ist hier möglich. In Montalivet und Arnaoutchot befinden sich weitere zwei Dörfer direkt am Atlantikstrand, die auch Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen Platz bieten. Allerdings wohnt man hier eng nebeneinander, wie man es von Campingplätzen kennt. Natürlich werden auch Surfkurse für Nudisten angeboten, schließlich ist man nicht weit von den berühmten Wellen von Biarritz entfernt. Paul Zubringer hat diesen Fleck vor sechs Jahren entdeckt. „Ich bin mittlerweile Stammgast“, sagt der kernig-sportliche Deutsche bei einem entspannten Naturfrühstück mit Atlantikblick. „Am Anfang war es natürlich etwas befremdlich, doch ich bin dann relativ schnell in den „Naturistenmodus“ geschaltet“. Noch etwas anderes ist für ihn wichtig: „Es ist die unglaubliche Energie dieses Ortes, der einen in kürzester Zeit entspannen läßt. Ich habe mir sagen lassen, dass die Gründer sehr lange nach dem richtigen Ort gesucht haben.“

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Für (bekleidete) Ausflüge bieten sich Weingüter wie das Chateau La Tour Carnet an, wo der Grand Cru Classic zu probieren ist, oder ein Abstecher zu den Austernfischern in Andernos Les Bains, wo Austern günstig in alten Fischerhütten serviert werden.
Wer sich für die Geschichte der Naturisten interessiert: in der FKK-Anlage Montalivet ist die erste Naturistenhütte Frankreich zu besichtigen, die der Gründers der französischen Naturistenbewegung, Albert Lecocq, im Jahr 1950 schuf.
Essen kann man in allen Anlagen übrigens hervorragend. Obwohl man meist auf einfachen Plastikstühlen und Plastiktischen sitzt, werden klassische Gerichte der französischen Küche zu mäßigen Preisen serviert. Das beste Restaurant befindet sich in Montalivet und nennt sich „Marinheiro“. Hier servieren Silva Elsa portugiesische Gerichte mit viel frischem Fisch und Muscheln. Krönender Abschluss ist die Crème brulée, hier bestreut mit rotem Pfeffer aus der Aquitaine, er nennt sich piment d‘Espelette.

Auch an der französischen Mittelmeerküste gibt es ein großes Naturistendorf, Cap d‘Agde. Es besteht allerdings mehrheitlich aus Hochhäusern, und auch die Zielgruppe ist eine gänzlich andere: die meisten Urlauber kommen hierher, um ihren Hobbies Gruppensex und Partnertausch zu frönen. Familien sind deswegen besser am Atlantik aufgehoben.
Adressen:

La Jenny
33680 Le Porge
http://www.lajenny.fr

Weitere Naturisten-Resorts in der Aquitaine:

Natu-Resort und Spa Arnaoutchot
40560 Vielle-Saint-Girons
http://www.arna.com

Euronat
33590 Grayan-l‘Hopital
http://www.euronat.fr

CHM Montalivet
33930 Vendays-Montalivet
http://www.chm-montalivet.com
Comité Régional de Tourisme d‘Aquitaine
http://www.tourisme-aquitaine.fr
Buchtipp
Französische Atlantikküste
Marco Polo Verlag
11,99 Euro

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