Rumgurken im Spreewald

Nicht nur für die Kahnfahrten durch dichten Wald und seine Gurken ist der Spreewald berühmt. Auch Radler kommen auf ihre Kosten.

IMG_0285

Zuerst klingt das typische Spreewald-Gericht Pellkartoffeln, Leinöl und Quark eher langweilig. Wenn man diese Spezialität dann aber in einer Gaststube wie der Holländermühle in Straupitz vorgesetzt bekommt, erreicht es kulinarische Qualitäten. Das liegt zum einen daran, dass das kaltgepresste Leinöl direkt aus der Mühle kommt, zum anderen an der unvergleichlichen Qualität der Kartoffel mit schwarzer Schale und des sahnig gerührten Quarkes. Der große Teller, der auch starke Männer sattmacht, kostet 5,80 Euro.

Es ist nicht uninteressant, zu sehen, wie das Leinöl in der Mühle, übrigens die letzte produzierende Dreifachwindmühle Europas, hergestellt wird. Gerd Nowak, der Müller, erzählt von der bewegten Geschichte der Mühle: „Die Mühle wurde 1850 erbaut, damals mit den modernsten Apparaturen als Sägemühle, Ölmühle und Kornmühle.“ Wenn man hineingeht, sieht man als erstes den hölzernen Aufzug für die Mehlsäcke. Die Sägemaschinen funktionieren alle noch. „Letzte Woche haben wir diesen Baumstamm hier zersägt“, sagt Nowak und deutet auf einen wuchtigen Eichenstamm, der seiner Länge nach halbiert wurde.
Im hinteren Raum ist ein Angestellter mit der Herstellung des Leinöls beschäftigt. Die Leinsamen werden immer noch in der gleichen Pfanne mit Holzfeuer erhitzt wie eh und je. Eine alte Rührschaufel, mit großen Zahnrädern angetrieben, rührt die Masse dabei. „Das Öl ist naturbelassen und hält sich nur kurze Zeit, deswegen verkaufen wir es nur hier in der Mühle“, sagt Nowak. Auch der Leinsamenschrot, der bei der Herstellung abfällt, wird verwertet. Als hochwertiger Ballaststoff wird er im „Mühlenbrot“ verbacken, oder Schweine bekommen ihn zur Mast.

IMG_0244
Insgesamt 970 Kilometer (!) natürliche Fließe und künstlich angelegte Kanäle durchziehen den Spreewald. Angst, zu ertrinken, braucht man nicht haben: im Durchschnitt sind die Fließe nur 30 Zentimeter tief. Überall sieht man Anlegestellen für Kähne, die mit einem Stock, ähnlich wie in Venedig, bewegt werden. Das fügt sich bestens in den derzeitigen „slow travel“ Tourismustrend. 350 Fährleute, immer adrett mit Uniform und Mütze gekleidet, gibt es noch im Spreewald. Selbst wenn ein Kahn mit 25 Leuten beladen ist, genügt die Muskelkraft des Fährmanns, um den Kahn voranzubringen.

2015-08-22 10.54.35

Da einige Häuser nur vom Wasser aus erreichbar sind, gibt es sogar noch einen Postboten, der seine Briefe mit dem Spreewaldkahn austrägt. Normalerweise fassen die Kähne, die 1,9 Meter breit sind, bis zu zwei Dutzend Personen. Hagen Conrad hat sich nun aber etwas Neues ausgedacht. „Weil die Fahrten durch die Fließe, besonders an Sommerabenden, sehr romantisch sind, habe ich einen Kahn nur für zwei Personen anfertigen lassen“, sagt er und deutet auf einen Kahn, der mit zwei gut gepolsterten Liegestühlen ausgestattet ist.

IMG_0362

Es soll eine Kuschel-Tour für Pärchen werden, die sich an kühlen Abenden in eine Decke hüllen können und während der Fahrt den Himmel und in das Blätterdach der Eschen, Eiben, Birken und Silberpappeln schauen können. „So wird eine Kahnfahrt fast zu einer Meditation“, verspricht Conrad. Die Kahnfahrt geht dann auch fast geräuschlos von dannen, das Staken mit der Stange ist praktisch unhörbar. Zwischendurch macht Conrad nur „pst“, wenn er einen Biber am Fließrand entdeckt, oder ein Wildschwein auf der Wiese. Der Zweier-Kahn ist traditionell aus schwerem Holz gebaut. Conrad bedauert es, dass die neuen Kähne fast nur noch aus Aluminium hergestellt werden. Ausnahmsweise lässt er seinen Gast auch einmal staken. Doch in den schmalen Fließen die Richtung zu halten, stellt sich schwerer als gedacht heraus.

1440234124011

Auf dem Neckar heisst es „stochern“, im Spreewald „staken“

Zeit für eine gurkige Stärkung – ein riesiges Fass mit Senfgurken wartet auf Käufer, und am besten schmecken die sauren Gurken zu einem selbstgebrauten Pils an der Spreewaldbrauerei in Schlepzig. „Zwickel“ heisst das naturtrübe Pils, das auf der Terrasse am Fließ serviert wird. Aus der alten Mühle, errichtet im Jahr 1771, ist heute ein edles Hotel geworden, das zu den besten der Gegend zählt.

IMG_0377

Die Spreewaldgurken waren früher ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. Mit dem Bau der Eisenbahn von Görlitz nach Berlin, die durch den Spreewald verlief, verlud man im Jahr 1907 bereits 20.000 Tonnen Gurken nach Berlin!
Weil die Gegend flach ist, ist sie bei Radfahrern geschätzt. Am schönsten radelt es sich auf dem „Gurkenradweg“, der insgesamt 260 Kilometer lang ist und von Cottbus über Burg und Lübben nach Schlepzig führt. Eine genaue Radkarte ist auf jeden Fall anzuraten, denn es wimmelt im Spreewald vor kleinen Wegen, und kleinen Ortschaften. In Burg hat sich schon mancher verirrt: das Dorf ist von der Fläche her das größte Dorf Deutschlands. 4000 Einwohner verteilen sich hier auf 35 Quadratkilometer! Man muss daher oft fünf Minuten laufen, um zum „Nachbarhaus“ zu gelangen.

IMG_0328
Um die zahlreichen Kanäle zu überqueren, muss man seinen Drahtesel allerdings öfter mal unter den Arm nehmen. Die typischen Brücken über die Fließe sind Holzbrücken, mit Treppenstufen auf beiden Seiten. Weil Wanderradler oft schwere Satteltaschen haben, hat man neben die Treppenstufen eine Fahrrille gebaut, so dass man das Rad auch hochschieben kann. Wer von Hotel zu Hotel unterwegs ist, für den wird auch ein Gepäcktransfer angeboten.
Es gibt einiges zu sehen in Burg, unter anderem einen Barfusspark, ein DDR-Museum, eine Trachtenstickerei, einen Holzpantoffelmacher und einen Schauhandwerkshof, auf dem Maler, Glaser, Drechsler, Tuchmacher und Spitzenklöpplerinnen arbeiten. Im Streichelzoo neben dem Landhotel Burg grasen Esel und Ziegen auf der Weide. Auch Alpakas, Emus, einen Strauß und ein Hängebauchschwein darf man füttern. Das Wappentier des Spreewaldes nistet jedoch immer ganz oben: auf Schornsteinen oder Telegrafenmasten lassen sich überall Storchennester sehen.

Camping:
Ramonas Wiesenfühlung
Weidenweg 4
03096 Burg
http://www.wiesenfuehlung.de
Tel. 035603-61839
veranstaltet auch Kräuterwanderungen durch den Spreewald!

Buchtipp
Spreewald
Kerstin Micklitza
Trescher Verlag, 2014
9,95 Euro

Advertisements

Ein Gedanke zu “Rumgurken im Spreewald

  1. Der Spreewald ist wirklich schön. Wir waren gerade da und haben in Schlepzig eine schöne Kahnfahrt gemacht. Hier ist es nicht ganz so voll wie in Lübbenau. Empfehlenswert die Gaststätte in der alten Brennerei. Wir sind dann weitergefahen nach Bad Muskau zum herrlichen Fürst-Pückler-Park. Ein sehr weitläufiger Park mit wunderschönen Ausblicken und einem schönen Schloß. Aber unser Geheimtipp ist gerade zu dieser Zeit der Rhododendronpark in Kromlau, ganz in der Nähe von Bad Muskau. Große Rhododendren- und Azaleen- Wälder bezaubern mit vielfarbigen Blüten und mit berauschenden Düften. Sowas haben wir noch nie geschnuppert- ein ganzes Dorf im Duftrausch. Also fahrt mal hin!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s