Malta als Winterziel

Englisch lernen, alte Tempel besuchen, Weihnachtskrippen mit lebenden Jesus-Babys bestaunen: der Winter ist die ideale Reisezeit für Malta

IMG_1446

„Sie möchten Radfahren auf Malta? Davon raten wir eher ab, der Verkehr ist einfach mörderisch!“ Originalton der Tourist-Information auf Malta, die Insel der Kreuzfahrer. Man habe es vor einigen Jahren angeblich mit e-Bikes probiert, die Nachfrage war aber zu gering, so dass der Verleih eingestellt wurde. Man sollte den Tourismus-Ämtern aber nicht alles glauben: die Agentur Eco-Bikes vermietet e-Bikes in Valetta, und aufgrund der stark hügeligen Straßen machen sie sich hier doppelt bezahlt. Mietpreis pro Tag: 20 Euro (www.ecobikesmalta.com)

Auch von Mietwagen raten Reiseführer ab, und dies, obwohl Malta eine der preiswertesten Regionen Europas ist, was Mietwagenpreise betrifft. Mitteleuropäer seien den Linksverkehr nicht gewohnt, daher passieren viele Unfälle, in die Touristen verwickelt seien, so die Begründung. Es gibt ein gut ausgebautes Busnetz auf der Insel (www.maltabybus.com), eine 7-Tageskarte kostet nur 21 Euro.

IMG_1429

Landschaftlich, das wird bei einer Fahrt von Süden nach Norden klar, hat Malta nicht allzuviel zu bieten. Die Insel ist 26 Kilometer lang, im Süden stark zersiedelt und in der Mitte karg und leicht hügelig. Wer sich aber für Geschichte und Architektur interessiert, den erwartet eine reich gefüllte Schatzkiste. Der Winter ist die ideale Reisezeit für Malta: dann ist es um 20 Grad warm und sonnig, während man im Sommer Temperaturen um 45 Grad verkraften muss.

IMG_1467

Besonders für Valetta sollte man sich genügend Zeit nehmen, und genug Platz auf der Speicherkarte der Kamera haben. In der St. Pauls Street wurden in letzter Zeit eine Reihe alter, verwahrloster Stadtpaläste einer grundlegenden Renovierung unterzogen und als Boutique-Hotel wieder eröffnet. Einer davon ist der Palazzo Prince D‘Orange, den Steven Spielberg 2005 noch als Drehort nutzte. Alex, der Direktor, ist mit dem Ergebnis hochzufrieden – und die ersten Gäste auch: „Seit unserer Eröffnung sind wir praktisch ausgebucht“, erzählt er zufrieden, und er weiß, dass in der Nähe weitere, ähnliche Projekte in der Entstehung sind. Ein Stück weiter sieht man noch viele leerstehende Altbauten. Eines davon ist das „Hotel Splendid“, ein kleines, zweistöckiges Hotel, dessen verblichenes Schild noch außen hängt. Auf der anderen Straßenseite kündet ein anderes Schild davon, dass das „Splendid“ hier mal über eine separate Lounge verfügte. Ein Bildhauer stellt in den Zimmern mit verblichenen Tapeten seine bizarren Skulpturen aus. Verkäuflich sind sie nicht mehr. „Ich habe gestern alle an einen Kunden verkauft“, erzählt er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Historie des Hotel Splendid würde übrigens als Romanvorlage taugen: das Haus wurde in den 60er Jahren geschlossen, nachdem in seinen Räumen ein grausiger Mord an einer Prostituierten in der Badewanne verübt wurde.

 

„Vor 30 Jahren war diese Straße die Vergnügungsmeile der Stadt“, weiß Audrey, die Touristen die Insel zeigt. Vor allem die US-amerikanischen Soldaten brachten hier den nötigen Umsatz. Seit die Insel zur Republik wurde, herrscht ein eher konservativer, katholischer Geist. Einzig übriggeblieben ist ein kleines Pornokino in einer ansonsten verlassenen Ladenpassage. Doch die Kunden, die sich hier für 5 Euro Eintritt ältliche „Spielfilme“ ansehen, kann man zählen.

IMG_1416

Man muss in dieser Ecke nicht lange suchen, um echte Ladenperlen zu entdecken. Zum Beispiel das Schallplattengeschäft, das außen mit einer „His Master‘s Voice“ Reklame wirbt, und im Schaufenster Beatles LPs offeriert. Auch Tante-Emma-Läden, in denen der Ladeninhaber hinter der Theke steht und jedes Produkt, das der Kunde verlangt, einzeln aus den hohen Holzregalen fischt, sind hier noch die Regel und nicht die Ausnahme.

Sein unvergleichliches Flair hat sich auch das Manoel Theater erhalten, eines der drei ältesten Theater in Europa, die noch bespielt werden. Es wurde im Jahr 1731 errichtet. Der Innenraum mit 4 Stockwerken datiert aus dem Jahr 1866. Die Audioführung auf deutsch ist sehr detailreich; vergnüglicher ist es, einfach eine Theaterkarte zu kaufen und einer Aufführung beizuwohnen.

IMG_1506

Pittoresk anzusehen ist die ehemalige Filmkulisse Popeye Village im Norden der Insel. Das Dorf mit den windschiefen Häusern wurde 1979 für Robert Altman errichtet, der die weltberühmte Comic-Serie hier verfilmte. Immer noch in Betrieb sind die Mediterranean Film Studios bei Kalkara, wo dank eines riesigen Wasserbeckens auch Hochseeszenen gefilmt werden können. Hier entstanden unter anderem „Der Untergang der Pamir“, die „Gustloff“, „Asterix und Obelix“ und „Troja“. Fans der Serie „Game of Thrones“ sollten sich in die mittelalterliche Mdina im Zentrum der Insel aufmachen. 870 von den Arabern angelegt und von dicken Burgmauern umgeben, leben hier nur rund 200 Menschen. Besonders am Abend, wenn die Tagesausflügler verschwunden sind, wirkt die Szenerie wie aus einer anderen Zeit. Es gibt keine Bars, keine Souvenirshops, nur stille, von Laternen beleuchtete Gassen und Plätze, deren Mitte ein Ziehbrunnen markiert. Aus der Kathedrale St. Peter und Paul öffnet sich die Tür, Menschen strömen heraus, und das an einem Montag. Die Abendmesse ist zu Ende. Wie sagte Audrey: Malta ist eine sehr katholisch geprägte Gegend. Noch eine andere Behauptung von ihr wird durch die ausströmende Menge eindrucksvoll bestätigt: die dicksten Männer Europas leben auf Malta.

IMG_1470

Für Touristen gibt es eine Multimedia-Show namens „Medina Experience“. Viel besser lernt man das Viertel aber mit einem persönlichen Guide kennen. Und das ist gar nicht teuer: 60 Euro kostet ein privater deutschsprachiger Guide für einen halben Tag. Wenn man sich dies mit mehreren Personen teilt, ist es sogar billiger als die „Mdina Experience“! Auch für Valetta ist solch eine private Führung wärmstens zu empfehlen, eine Liste der Führer hält die Tourist Information Malta bereit.

Wer Fischerhäfen anderer Mittelmeerstädte kennt, wird die Angebot in Marsaxlokk Bay zu schätzen wissen. Zwar stört das Kraftwerk im Hintergrund das Fotomotiv der bunt bemalten Fischerboote ein wenig, doch dafür scheint auch hier die Zeit stehengeblieben. Fischer flicken unbekümmert die Netze auf ihren Booten, und die Restaurants am Ufer offerieren frisch gefangenen, gebratenen Fisch mit Pommes Frites und Salat für 10 Euro.

Die Nachbarinsel Gozo ist mit der Fähre in nur 30 Minuten erreichbar. Auch hier geht es streng katholisch wie auf Malta zu. „Bis vor wenigen Jahren gab es das Recht auf Scheidung vom Ehepartner noch nicht“, erzählt Guide Audrey ungerührt. Zu Weihnachten läuft das Gemeindeleben überall zur Hochform auf. Seit vier Jahren baut man auf Gozo das Dorf Bethlehem nach, 150 Laiendarsteller geben jeweils den ganzen Dezember über einen Einblick in das Leben zur Zeit von Christi Geburt. Maria hält sogar ein echtes Jesus-Baby in einem Stall, neben Ochs und Esel, im Arm. Der Tischler nebenan werkelt an der Hobelbank, Omis besticken Kissenbezüge. Und natürlich fehlt auch der „mulled wine“ nicht.

Information

www.visitmalta.com

www.visitgozo.de

www.visitvaletta.de

Literatur

Baedeker Smart

Malta

Paul Murphy

2015

14,99 Euro

Tipp:

Der Berliner Jörg Böttcher betreibt seit über 20 Jahren die Farmhouse Gallery in Zebbug auf Malta. Am Wochenende ist das 350 Jahre alte Farmhouse offen für Gäste. www.joergboettcher.com

Advertisements

Ein Gedanke zu “Malta als Winterziel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s