Die Heidi winkt in der Kurve

Den Glacier Express kennt jeder. Doch jenseits dieser Traumstrecke ist die Schweizer Bergwelt von einem perfekten Netz von Bahnen, Zahnradbahnen, Dampfern und Seilbahnen erschlossen – die jeweils auch noch aufeinander getaktet sind und natürlich immer pünktlich abfahren.

Der Glacier Express, der „langsamste Schnellzug der Welt“, ist für Touristen der Inbegriff der Schweizer Bergbahnen. Für die Strecke von Sankt Moritz bis Zermatt benötigt die Schmalspurbahn acht Stunden. Dabei werden sage und schreibe 291 Brücken überquert. Der Spass kostet 149 Euro in der zweiten Klasse, in der ersten sind es 262 Euro. Viel weniger bekannt, dafür aber mit einem normalen Ticket der Schweizer Bundesbahnen befahrbar, ist die Golden Pass Linie von Luzern nach Montreux. Auch hier gibt es Komfort: zwischen Zweisimmen und Interlaken werden Salonwagen der 1. Klasse eingesetzt, die drehbare Sitze haben. Außerdem kann man für einen Aufpreis von 15 Euro Sitze im verglasten Frontteil des Zuges buchen, und hat damit eine unvergleichliche Panoramasicht.

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Umsteigen ist dabei allerdings angesagt, denn ein Teil der Linie fährt auf einer Schmalspurbahn. Die Strecke führt an zwei Seen vorbei, dem Thunersee und dem Brienzer See, und an verwitterten Chalets mit blumengeschmückten Fenstern und winzigen Bahnhöfen, die immer noch Bahnhofspersonal haben. Kurz vor der Einfahrt nach Montreux, in einer weiten Kurve, unterbricht eine freundliche ältere Dame ihre Gartenarbeit und winkt in Richtung Zug. „Das ist die Heidi, eine Deutsch-Schweizerin, die jeden Zug begrüßt“, erklärt Niklaus Mani, der die Golden Pass Linie wie kein zweiter kennt. Dass Heidi – immerhin schon im Oma-Alter – dieser Winkerei nicht müde geworden ist, ist ein kleines Wunder. Denn die Züge passieren ihr Grundstück ungefähr alle 20 Minuten. Doch angeblich strukturieren die Züge den Tagesablauf der alten Dame.

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Dann rollte der Zug in den Bahnhof von Montreux ein, der ein echtes Schmankerl für Eisenbahnfreunde ist. Er vereint in seinen Gleisen drei unterschiedliche Spurweiten: die Normalspur der Schweizerischen Bundesbahnen, die Meterspur der Montreux – Berner Oberland – Bahn und die Schmalspur der Transports Montreux – Vevey – Riviera. Wenn man einen Swiss Travel Pass hat, den es für 4 (204 Euro) oder 8 (295 Euro) Tage gibt, kann man von Montreux auch eine steile Bergbahn mit einer Ermäßigung von 50% nutzen. Die Zahnradbahn auf den Rocher de Naye benötigt fast eine Stunde, um auf rund 2000 Meter Höhe hinaufzufahren. Mani kennt natürlich auch die Geschichte dieses Bähnchens. „Die Strecke wurde im Jahr 1883 eingeweiht, damals natürlich noch mit Dampflokomotive!“ Die Heizer mussten kräftig schaufeln, damit die Bahn die Neigung von bis zu 22% bewältigen konnte.

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Nach einigen Minuten Fahrt zeigt Mani auf ein schniekes Holzhaus, seine Miene wird plötzlich ernst: „Dort wohnte Claude Nobs, der Gründer des Montreux Jazz Festivals“. Man merkt, dass Mani ihm eng verbunden war. Nobs starb vor zwei Jahren. Immerhin baute er eines der bedeutendsten Musikfestivals der Welt auf. In diesem Jahr treten unter anderem Lady Gaga und Tony Bennett, Mary J. Blige, Lionel Richie und Lenny Kravitz auf, Karten für ein Konzert kosten leicht zwischen 300 und 400 Euro. „Nobs lud die Stars manchmal zu einer Fahrt auf den Rocher ein, wo sie dann oft unerkannt zwischen den Touristen saßen“, erzählt Mani. Montreux übt Anziehung auf die Stars aus: Freddie Mercury lebte mehrere Jahr in der Alpenstadt.

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Oben auf dem Gipfel – der Bahnhof liegt nur wenig unterhalb des Gipfelkreuzes – hat man schon vor 100 Jahren an den Tourismus gedacht und ein Grand Hotel erbaut. „Es hatte einmal vier Etagen. Die zwei oberen sind abgebrannt“, erzählt Mani. Jetzt setzt man auf nachhaltigen Tourismus und errichtete 7 mongolische Jurten, in denen die Besucher nächtigen können. Direkt daneben hausen Murmeltiere in einem Gehege, die, wenn man richtig pfeift, blitzschnell aus ihren Erdlöchern schießen. Auch einen Alpengarten mit hunderten von endemischen Pflanzen gibt es zwischen zwei Felsmassiven zu besichtigen. Er wurde schon vor 100 Jahren angelegt.
Am anderen Ende der Golden Pass Linie Golden Pass Line, in Luzern, warten ebenfalls reizvolle Alpen-Panoramen.
Vom Luzerner Bahnhof steht nur noch ein Teil der alten Fassade – „der Bahnhof ist vor 40 Jahren komplett niedergebrannt“, erzählt die bestens gelaunte Stadtführerin Jeanette Schmidlin.

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Mit dem Dampfschiff, das wenige Meter vom Bahnhof entfernt ablegt, kann man bis zur Talstation der Rigibahn nach Vitznau fahren. Die Rigibahn stellt den Rekord als älteste Zahnradbahn Europas, erbaut 1871. Der Rigi, 1800 Meter hoch gelegen, ist der beliebteste Ausflugsberg der Schweiz. Kurz vor dem Gipfel kommt man an einem runden Platz vorbei. „Hier finden die Wettbewerbe im Schwingen statt, und an diesem Tagen kommen hier mehrere Tausend Schweizer hinauf“, erzählt Schmidlin. Schwingen, der alte Schweizer Kampfsport, ist eine Art Schlammcatchen – nur ohne Schlamm. In der Schweiz heisst er bezeichnenderweise „Hosenlupf“.
Ganz oben, im Panoramarestaurant, sind die Preise gesalzen: 45 Euro muss man für eine kleine Portion Zürcher Geschnetzeltes, serviert mit einem halben Rösti, anlegen. Jeanette Schmidlin weiß um die hohen Preise ihres Heimatortes.

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Dem Tourismus hat dies allerdings kaum geschadet. „Wir haben das ganze Jahr über volle Belegung der Hotels mit Reisenden aus Asien“, erzählt sie. Der „Schwoob“, wie der Deutsche in der Schweiz genannt wird, macht sich inzwischen rar. Dann plaudert sie aus dem Nähkästchen: „Die chinesischen Guides arbeiten ohne Bezahlung. Dafür erhalten sie von den Uhrengeschäften, in die sie ihre Gruppen führen, 10% Provision.“ Bei Uhren, die vier- oder manchmal auch fünfstellige Beträge kosten, käme da schon einiges zusammen. Noch einen Tipp gibt sie Luzern-Besuchern: die meisten historischen Gemälde auf der berühmten Kapellbrücke aus dem 14. Jahrhundert fielen vor Jahren einem Feuer zum Opfer. „Auf der Spreuerbrücke, etwas weiter hinten gelegen, gibt es ebenfalls Bilder zu sehen. Künstlerisch sind diese sogar wertvoller – es handelt sich um den Totentanzzyklus des Malers Kaspar Meglinger aus dem Jahr 1626.“ Die Brücke ist öffentlich und kostenfrei zu begehen und ersetzt gut und gerne einen Museumsbesuch. Was die wenigsten wissen: jedes Bild ist mit einer Versicherungssumme von 400.000 Schweizer Franken versichert.
Am Seeufer finden sich nostalgische Grandhotels wie das Palace oder der Schweizerhof. Zum Art Deco Hotel Montana führt sogar eine Standseilbahn hinauf. Mit einer Minute Fahrzeit ist es die kürzeste Standseilbahn der Welt.

Information
Schweiz Tourismus
Telefon 0800 10020030
www.myswitzerland.com

Buchtipp
Golden Pass Linie
Ingrid Walder
Walder Reiseführer
12,9 Euro

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2 Gedanken zu “Die Heidi winkt in der Kurve

  1. Danke für die vielen wertvollen Tipps und die anregende Beschreibung! Als Alpenfan freue ich mich immer über Anregungen, hier umweltfreundlich zu reisen.

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