Israel…

Touristen erleben Israel zur Zeit als einen Hort des Friedens – wenn man die richtigen Routen wählt

„Ich wünsche mir, dass du etwas gutes über Israel schreibst. Bitte!“ Die Augen von Or, einer 19-jährigen Israelitin, funkeln, als sie im Flugzeug nach Tel Aviv diese Bitte ausspricht. Or, eine zarte Gestalt, der die Haare bis über den Po reichen, leistet zur Zeit ihren Militärdienst in Israel. „Vorher dachte ich, es wäre schrecklich, aber jetzt gefällt die Arbeit mir wirklich gut“, gibt sie zu verstehen. Natürlich kennt sie die Sachen, die im Ausland über Israel geschrieben werden. Und eine Reise nach Israel ist für Deutsche, auch im Jahr 2015, noch immer vorurteilsbeladen und belastend.

Schon die dreimalige Kontrolle des Handgepäcks am Flughafen in Deutschland, bei der der Beamte sogar jede einzelne Seite eines mitgebrachten Buches umblättert, weist auf besondere Umstände hin. Tel Aviv dagegen ist mindestens so entspannt wie Berlin. Religiös gekleidete Juden sind kaum zu sehen, die Strandpromenade wird von einem Heer von Joggern in Anspruch genommen. Touristen gehen gerne nach Old Yafo, wie Jaffa bei Einheimischen heisst. Galerien, Läden und Cafés haben das alte Quartier am Ende des langen Sandstrandes besetzt, das von Napoleon 1799 zerstört wurde und dann von den Türken wieder aufgebaut wurde. Hier hat Ilana Goor ihr Haus, das sie schon seit längerem zum Museum ausgebaut hat. Man könnte es ein Gesamtkunstwerk nennen – neben den Bildern, Skulpturen, Fotografien, Antiquitäten und Objekten, die sie in allen Räumen und auf der großen Dachterrasse ausgestellt hat, finden sich auch zahlreiche Installationen im Dalí-Stil. „Man mag es kaum glauben, aber bevor ich das Haus hier kaufte, stand es 30 Jahre leer“, erzählt Ilana, immer noch erstaunt. In den 80er Jahren war Jaffa ein schmutziges, kriminelles Viertel – niemand wollte dort auch nur einen Fuß hinsetzen. Wie so oft, kamen Künstler, weil es so billig war, und markierten den Beginn einer Veränderung. Goor ist heute in Israel eine Berühmtheit, sogar Benjamin Netanyahu stattete sein Haus mit ihren Kunstwerken aus. „Er musste dafür aber wie jeder andere auch bezahlen“, fügt Ilana an. Das war ihr wichtig.

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Kürzlich bekam sie von einer großen Hotelkette das Angebot, die ihr Anwesen komplett mit sämtlichem Interieur kaufen wollte. Ilana lehnte ab, „für kein Geld der Welt würde ich dieses Haus verkaufen!“

Einat Rotfus liebt ebenfalls „ihr“ Tel Aviv. „In Jerusalem, Bethlehem oder Jericho mag es mehr Geschichte geben, aber wen interessiert das?“ Die 38-jährige genießt das Nachtleben der Stadt, das sich vor allem um den Rothschild-Boulevard herum abspielt. Viel Zeit hat sie nicht, denn sie ist die Gründerin des Verbandes der Modedesigner Israels und die Managerin der „Minicards“, einem Kartensystem für Gewerbetreibende. Es gibt Clubs für jeden Geschmack: im „22“ kostet alles 22 Shekel, deshalb ist es immer voll. „Polly“ hat sich in einer alten Bankfiliale eingenistet, und im Tresorkeller kann man einen Drink nehmen, wenn es oben zu voll wird. Im „Evita“ läuft die beste Musik, die Bar wird von Schwulen betrieben, während im „Solo“ zu Hip Hop wie in New York getanzt wird.  Tagsüber zieht der Rothschild-Boulevard die Besucher vor allem wegen der Bauhaus-Architektur an. Viele Häuser sind allerdings dem Verfall nahe, einige auch besetzt. Insgesamt hat Tel Aviv rund 4000 weiße Häuser im Bauhaus – Stil! Nun bemüht sich die Stadtverwaltung, wenigstens 1000 von ihnen vor dem Verfall zu retten. Ein altes, leerstehendes Kino im Bauhaus-Stil der 30er Jahre wurde sogar zum Hotel umgebaut, es steht am Dizengoff Square.

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Eine ganz andere Art von Touristen sieht man dagegen am Qasr el Yahud, der Taufstelle am Jordan, an der Johannes der Täufer einstmals wirkte. Eine russische Reisegruppe, gekleidet in weiße Gewänder, die man hier auch gleich kaufen kann, taucht nacheinander in das braune Nass. Der Jordan ist an dieser Stelle nicht tief und nur wenige Meter breit. Gleichzeitig verläuft hier auch die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Zwei sehr junge israelische Soldaten mit Maschinengewehren beobachten die Szene, auf der anderen Flussseite stehen ihre jordanischen Kollegen. Business as usual. Wer zum ersten Mal nach Israel reist und jene Stellen aus der Bibel kennt, ist vielleicht etwas enttäuscht, diesen Ort so zu sehen. Von Anspannung ist jedoch keine Spur, eine eher schläfrige Hitze liegt über der Szenerie.

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Auch Nazareth, die Geburtsstadt von Jesus, liegt friedlich da. Heute ist sie mit 60.000 Einwohnern die größte arabische Stadt in Israel. In der Josefskirche ist eine Grotte mit einem Quell, in der die heilige Familie einst genächtigt haben soll. Ziel der meisten Pilger ist die Verkündigungskirche, die erst im Jahr 1966 gebaut worden ist und ebenfalls eine Grotte hat.

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DAS Ziel der Pilger ist jedoch Jerusalem, wo sich die Religionsgeschichte dreier großer Religionen kreuzt wie sonst nirgends. Hier sieht man religiös gekleidete Juden mit Kippa und Schläfenlocken am Handy telefonieren. An der Grabeskirche, die von nicht weniger als 6 Religionen verwaltet wird, zieht sich eine lange Menschenschlange durch das Kirchenschiff, man wartet auf Einlass zum heiligen Grab. Ruth Holtzman, eine 66-jährige Jüdin, die Gäste durch Jerusalem führt, hat Verständnis, wenn man sich hier nicht anstellen möchte.

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Dass eine jüdische Bekannte in Israel von großem Nutzen ist, beweist ihr Restaurantvorschlag. Statt in Jerusalem zu essen, führt sie uns hinaus aus der Stadt in ein „Schnellrestaurant“, in dem der Tisch so lange mit neuen Schälchen mit den köstlichsten Meze vollgestellt wird, bis auch der letzte satt ist. Eine Speisekarte gibt es nur auf hebräisch – da man jedoch eine geringe Pauschale für das Essen bezahlt, ist diese auch nicht mehr wichtig.

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Dass die Reise durch ein Land führt, das andauernd wegen Bombenanschlägen, Hamas-Terroristen und kriegerischen Auseinandersetzungen in den Nachrichten ist, haben wir unterdessen völlig vergessen. Auch an den restlichen Orten der Rundreise, am Toten Meer, in Haifa, Magdala, Tiberias, Massada und Capernaum, ist die Stimmung absolut friedlich. Nicht einmal ein Polizist ist auf der Straße zu sehen.

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Buchtipp:

Israel

Gerhard Heck

Marco Polo, 2013

11,99 Euro

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3 Gedanken zu “Israel…

  1. Schöne lebendige Beschreibung eines Landes das wir völlig anders aus den Medien kennen. Es wirkt sehr ruhig und besonnen. Eine Verführung, die den Wunsch weckt eines Tages selbst dorthin zu reisen und die eine oder andere Frage zu beantworten kann, die man sich schon oft zu dieser fremden Kultur gestellt hat. Aufschlussreich! Danke für diese Einblicke.

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