Barcelona

Smartphone Travelling

Barcelona mal nicht mit dem Reiseführer entdecken, sondern mit dem Smartphone

Sich in der Buchhandlung einen Reiseführer für den Urlaub zu kaufen, um vorher darin zu schmökern und erste Pläne zu schmieden, das macht Spass. Und Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude. In Zeiten des Smartphone ist das Ganze aber auch interaktiv möglich – und ungleich spannender. Sofern man die Landessprache beherrscht, kann man sich auf Webseiten des Zielgebiets über aktuelle Events informieren, die nicht in Reiseführern gelistet sind, sich in Foren mit Einheimischen austauschen und diese im Idealfall sogar persönlich treffen. Die meisten Hotels und Restaurants verfügen über WLAN, so dass der Empfang ins World Wide Web sichergestellt ist.
Für ein Wochenende in Barcelona soll es eine Stadtführung durch das Stadtzentrum sein, durch die Gassen der Altstadt. Außerdem wollte ich gute Restaurants kennenlernen, Tapas essen, und abends Swing tanzen.

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Über eine Community lernte ich Raul kennen, einen Argentinier, der schon mehr als fünf Jahre in Barcelona lebt. Raul ist Weltenbummler, per email schickte er mir gleich Fotos seiner Reisen rund um den Erdball zu. „Barcelona wird Dir gefallen“, schrieb er, „und ich hoffe, wir treffen uns, und du gibst nicht den chicas, die dich anschreiben, den Vorzug“. Unser Treffpunkt ist das Restaurant Aqua, gelegen am Passeig Maritim de la Barceloneta, dem Stadtstrand von Barcelona. Mit Blick auf die Playa, an der asiatische Masseurinnen Badegästen den öligen Rücken abklopften, erzählt mir Raul von seinem Job als Restaurateur und von den vielen Events der Stadt. Der Restauranttipp entpuppt sich als höchst empfehlenswert. Obwohl rappelvoll, ist der Service super aufmerksam, und der leicht angebratene Bonito auf Guacamole ein Traum. Dazu ein Glas Rosé für zwei Euro – ein schöner Beginn eines Städtetrips.
Dass Städtereisen zurzeit boomen, ist nicht zu übersehen. Im gesamten Hafenviertel herrscht Trubel wie auf einem Volksfest, und die „Hop-on-hop-off“ Busse, die alle fünf Minuten vorbeifahren, sind gefüllt wie Sardinenbüchsen. Auf der Rambla stehen die eingefärbten Verkleidungskünstler, inzwischen Standardrepertoire jeder Fußgängerzone, im Abstand von fünf Metern, und knipsende Touristenmassen schieben sich vorbei. Die größten Trauben bilden sich um ein Ronaldinho-Double, der gegen Münzabgabe recht gelenk mit dem Ball zaubert – sogar auf einer Stehleiter. Julius Cäsar und Mona Lisa hingegen sind Schnee von gestern, ein cooler Cowboy – ganz in Gold – zieht zum Entzücken weiblicher Passanten seinen Colt mit einer sexy Geste.
Wir schlendern durchs gothische Viertel, mit seinen düsteren, leicht muffigen Gassen ein Teil des fast vergessenen, alten Barcelonas. Touristische Trampelpfade zur Sagrada Familia, dem Poble Espanyol oder zur Casa Milà lasse ich dies Mal außen vor.

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In der „Travel Bar“ in einer Seitenstraße der Rambla gibt es freies WLAN. Ich bestelle einen Cortado, einen kleinen Café mit Milch, logge ich mich ein und plane den Abend. Heute, am Samstag, verzeichnet das Swing-Forum ganze fünf Tanztermine, und ich habe die Qual der Wahl. Die „Gran Festa de Swing“ im Dioclub hört sich gut an, der Eintritt kostet nur einen symbolischen Euro. Sympathisch! Die Tanzhalle, gelegen in einer umgebauten alten Fabrikhalle, ist schon um halb elf mit Swingtänzern gut gefüllt. Es sind allesamt Einheimische, man spricht – wie überall in Barcelona – katalan. Wie so oft bei Tanzveranstaltungen, sind die Damen in der Überzahl und warten sehnsüchtig am Rand der Tanzfläche, aufgefordert zu werden.
Der Held des Abends ist ein 70-jähriger, grauhaariger Katalane, der scheinbar sein Leben lang Swing tanzte, und der den ganzen Abend von tanzwütigen jungen Damen in Schach gehalten wird. Was dem drahtigem Alten aber offensichtlich viel Vergnügen bereitet.

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Überraschung dann um halb drei in der U-Bahn (die am Wochenende in Barcelona die ganze Nacht fährt): es herrscht ein Ambiente wie im Film „L’Auberge Espanole“, man ist umringt von deutschen Studenten und Studentinnen, die ausgelassen das Nachtleben Barcelonas zelebrieren.
Für den Sonntag habe ich recherchiert: Im Parc de Joan Miro, also im Viertel, in dem ich übernachte, findet ein Nachbarschaftsfest statt. Eine Bühne ist aufgebaut, auf der Jugendliche aus dem Viertel Break Dance vorführen. Und für fünf Euro gibt es vier Gutscheine, mit denen man katalanische, ziemlich leckere Spezialitäten kaufen kann, die Anwohner an verschiedenen Ständen aufgebaut haben. Ich glaube, unter den Besuchern bin ich der einzige, der nicht im Viertel wohnt. Touristen finden hier jedenfalls nicht her.
Dass virtuelle Verabredungen manchmal nur virtuell bleiben, muss ich am nächsten Tag erleben. Die kostenlose Stadtführung, die um 15 Uhr an der Rambla, Ecke Placa Catalunya, starten soll, ist wohl heute ausgefallen. Die „Free Tour“ war an sich eine schöne Idee – eine Stadtführung von Architekturstudenten, bei der am Ende jeder das gibt, was er für angemessen hält.

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Ich bin, zugegebenermaßen, etwas enttäuscht. Und kann meinen Frust nicht mal bei einer Person ablassen, sondern nur mit heissen Fingern auf dem kühlen Display des Smartphones. Und das antwortet mir leider nicht…

 

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Barcelona

  1. Ein wunderschöner Beitrag! Ich habe mir heute morgen in der Buchhandlung Alibri Dein Buch ‚111 Orte in Barcelona, die man gesehen haben muss‘ gekauft. Ich freue mich auf Deine ungewöhnlichen, geheimnisvollen und spannenden Orte abseits der Touristenpfade und werde sehr gerne darüber berichten. Lieben Gruss und ein schönes Wochenende, Jenni

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