Meine Reise nach Tbilissi

Ohne Fahrrad durch Tbilissi

„Ein Fahrrad möchten Sie sich ausleihen???“ Die Rezeptionistin antwortet in gutem Englisch, doch ihr Gesichtsausdruck ist so, als ob ich nach einem billigen Transvestitenpuff gefragt hätte. Ich sage, dass ich gerne mit dem Rad fremde Städte erkunde. Sie stutzt noch einen Moment, dann gibt sie eine Suchanfrage in Google auf. Und tatsächlich eine Adresse eine Radverleihs in Tbilissi, einer Stadt von immerhin 1,5 Millionen Einwohnern, und ruft an. Es nimmt allerdings niemand ab. „In Tbilissi fährt niemand Rad, hier fährt jeder mit dem Auto“, wird mir Teopa, die ich am nächsten Tag treffe, erklären. Und mit dem Bus oder, noch schlimmer, dem Marschrutki genannten Linientaxi, führen nur alte Opis. Tatsächlich sehe ich während meines gesamten Aufenthaltes in Tbilissi kein einziges Fahrrad. Nirgends. Vielleicht wäre ja eine historische Stadtführung zu Fuß eine Idee? In der Touristeninformation am Freiheitsplatz sitzen zwei junge Georgierinnen, die mich zu einer Agentur für Stadtrundgänge schicken. Dort werden täglich Stadtrundgänge angeboten, allerdings nur auf russisch. Der Tourismus ist in Georgien noch in der Entwicklungsphase. Ich versuche es also auf dem Weg, der in Georgien wahrscheinlich am erfolgversprechendsten ist: ich spreche einfach eine Frau in einem Café an der Abkhazi Strasse an. Und habe sofort Glück. „Ich habe früher Stadtführungen gemacht, jetzt habe ich ein Baby, um das ich mich kümmern muss“, antwortet Nino Pantsulaia. Am nächsten Tag habe sie Zeit, und könne mich für 25 Euro zwei Stunden durch die Stadt führen. Ich willige sofort ein, und Nino, 23, erklärt mir die Geheimnisse der Altstadt.

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Warum sehen die Häuser in weiten Teilen der Altstadt so aus, als ob sie jeden Moment zusammenbrechen? Die Leute in Tbilissi hätten kein Geld, entfährt es Nino. An Renovierungen sei nicht zu denken, die meisten Bewohner wären froh, wenn sie täglich genug Geld haben, um sich etwas zu essen zu kaufen. Tbilissi, von Russen, die dieses Wort nicht aussprechen konnten, Tiflis getauft, erfuhr im Laufe seiner Geschichte viele Zerstörungen. Die Händlerstadt, strategisch günstig zwischen Europa und Asien gelegen, war schon immer Treffpunkt von Händlern aus Paris, Konstantinopel, Kalkutta, Smirna und Buchara. 1795 wurde Tbilissi von den Truppen des Persers Aga Mohammed Khan heimgesucht und vollständig zerstört. So sind die ältesten Häuser der Stadt heute nicht mehr als 200 Jahre alt. Am Rustaweliprospekt reihen sich die imposanten Bauten wie die Akademie der schönen Künste, das Rustaweli-Theater, das Konservatorium und das Operntheater, übrigens erbaut vom deutschen Architekten Victor Schretter im Jahr 1880. Geld für spektakuläre Neubauten scheint vorhanden zu sein: Vom Museum der schönen Künste steht der Rohbau in Beton, der vielversprechende Entwurf stammt vom deutschen Büro W+P Architekten.

Rohbau des Museums für moderne Kunst

Rohbau des Museums für moderne Kunst

Aus der Altstadt heraus, am Flussufer des Mtkwari, macht die Stadt auf einmal einen Sprung ins dritte Jahrtausend. Die „Peace Bridge“, die im Jahr 2010 eröffnet wurde, funkelt nachts mit einer Orgie aus zehntausenden von LEDs. „Wir nennen sie Tampon, wegen ihrer Form“, kichert Nino. Das Glas, das die Brücke so schwungvoll überdacht, wurde von der deutschen Firma Glas Platz produziert.

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An die Brücke schließt sich ein moderner Park an, der an das neue Stadttheater grenzt. Entworfen hat das wurmartige Gebilde aus Glas und Stahl der italienische Architekt Massimiliano Fuksas. Beauftragt hat es der vorige Präsident Georgiens, Saakashvili, erfahre ich von Nino. Dem jetzigen Präsident gefällt es angeblich nicht, und so dämmert es ungenutzt vor sich hin. Zum Abschluss zeigt mir Nino noch die größte Kirche der Stadt, die neue Zminda-Sameba Kathedrale, die erst 2007 fertiggestellt wurde und eine der größten orthodoxen Kirchen der Welt ist. Am Eingang des Gotteshauses sucht Nino nach dem sonst üblichen Kasten, der Tücher zur Verschleierung von Frauen bereithält, doch hier fehlt er. Wo in katholischen Kirchen Sittenwächter haarscharf Frauen mit Spaghetti-Träger-Tops aussortieren – hier nimmt keiner Anstoß an einer unverschleierten Frau.

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Hingebungsvoll küsst Nino, wie andere Gläubige auch, die ausgestellten Ikonen. Mit der ebenfalls neuen Gondelbahn fahre ich dann noch hinauf auf den Hausberg, eine Fahrt kostet 50 Cent. Hier oben steht die „Mutter Georgien“, eine riesige Frauenfigur, die eine Schale Wein in der einen, ein Schwert in der anderen Hand hält. Wein, dessen Produktion unter sowjetischer Zeit in Georgien litt, ist jetzt wieder auf dem Vormarsch. Georgische Winzer produzieren kleine, aber feine Tropfen, die schon einige internationale Preise einheimsten. Schließlich hat Wein in Georgien einen Ruf: es ist das Land, in dem der Weinanbau begann! Die Produktion unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von herkömmlichen Prozessen: der Wein gärt in Tonkrügen, die in die Erde eingegraben sind, so dass nur die Öffnung herausschaut. Am nächsten Morgen möchte ich frühstücken, und gerate in ein landestypisches Restaurant. Die Karte ist für den, der kein georgisch kann, auch nicht ansatzweise zu entziffern, was Individualreisen zuweilen schwierig gestaltet.

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Im Georgischen werden übrigens weder einzelne Buchstaben noch Silben betont, damit wirkt die Sprache sehr fliessend. Das Georgische kennt weder Kleinbuchstaben noch Großbuchstaben, und auch kein Geschlecht! Es gibt nur den „männlichen Hund“ oder den „weiblichen Hund“, undsoweiter… In einer Kühlvitrine im Restaurant warten 20 frisch zubereitete Salate, vegetarisch und mit Fleisch. Ein grosser Teller mit Rote-Beete-Salat und einem Rindfleischsalat mit Creme Fraiche und Dill und einer Tasse Kaffee, ein für Mitteleuropäer ungewöhnliches Frühstück, kostet umgerechnet vier Euro. Derweil amüsieren sich die drei jungen Bedienungen an der Salattheke und singen georgische Schlager, am Ende sogar mehrstimmig. Das um 9 Uhr morgens! Ein Muss in Tbilissi ist die Besichtigung der Schwefelbäder, die am Gorgasali Platz sprudeln. Ihr Wasser ist zwischen 24 und 38 Grad warm. Von außen sieht man nur die runden Lichtkuppeln. Früher waren die Bäder reich mit Steinmetzarbeiten, Mosaiken und Marmor ausgestattet, heute bestimmt ein etwas trostloses Flair das Innere. „open 24 hours“ steht auf einem Schild. Doch im Inneren riecht es so stark nach Schwefel, dass man schon ein dickes Fell haben muss, um sich richtig zu entspannen. Draussen treffe ich auf Teopa, eine junge Frau aus Tbilissi, die vorschlägt, den nahen Wasserfall anzuschauen. Der sei vor allem Ziel von Hochzeitspaaren, die sich davor ablichten ließen. Und wenige Augenblicke später treffen wir tatsächlich auf ein Hochzeitspaar, das sich von einer Fotografin an der Schlucht fotografieren lässt. Die Frau tut dabei so, als ob sie ihren Ehemann von der Klippe schubst.

Teopa, sorgfältig geschminkt und geschmackvoll gekleidet, beobachtet die Szene, um dann zu kommentieren: „Das ist nur ein Spiel. In Wirklichkeit ist es so, dass die Frau, wenn sie mal verheiratet ist, null zu sagen hat. Der Mann allein bestimmt.“ Die Heirat, das wird schnell klar, ist für Teopa ein großes Thema. Das normale Heiratsalter liegt in Georgien zwischen 17 und 24 Jahren, da bleibt der 23-jährigen nicht mehr viel Zeit. „Man wohnt entweder mit den Eltern, oder mit dem Ehemann“, sagt sie. Etwas anderes ist in der georgischen Gesellschaft nicht vorgesehen, weder für den Mann, noch für die Frau. Ich werde spontan eingeladen, mit ihr und ein paar Freunden essen zu gehen. Teopa, die einen Job in einem Konsulat hat, kann sich solchen Luxus ohne weiteres leisten. Mit einem geräumigen, schwarzen SUV geht es zur „George Bush Avenue“, an dessen Anfang ein großes Foto des US-Politikers eingerahmt ist. Bergeweise werden Schüsseln mit bestem georgischen Essen aufgefahren, dazu gibt es Bier. Natürlich sind auch die berühmten Khinkalis dabei, überdimensionale, mit Hackfleisch gefüllte Tortellinis, die allerdings sehr sattmachen. Unwiderstehlich ist das lauwarme Khachapuri, ein Weißbrot, mit Suluguni-Käse gefüllt. Die Rechnung am Ende: 15 Euro – für alles zusammen! Dies ist ein vielfaches der Touristenlokale unten am Ufer.

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Tips

Hotel Rooms

Designerhotel der Spitzenklasse, eröffnet im Oktober 2014. Ein normaler Wohnblock wurde vollständig entkernt und von außen mit Holz verschalt. Die Zimmer mit Holzboden und Retro-Mobiliar, in der Suite steht neben dem Bett eine Badewanne. Preis der Suite pro Nacht für zwei Personen: 280$

Reiseführer Georgien Trescher Verlag, 18,95 Euro

Zur Einreise ist ein Reisepass nötig

Weine aus Georgien in Deutschland: Grusignac

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